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Alte Fotos erzählen 45: Wo der Kraftverkehr Celle einst seine Heimat hatte
Thema Alte Fotos erzählen 45: Wo der Kraftverkehr Celle einst seine Heimat hatte
14:29 07.05.2015
Von Andreas Babel
Freiräume sind hier rar geworden: Der Sanitärfachhandel Wiedemann und das Auto-Fachgeschäft ATU befinden sich auf dem einstigen Betriebshof des „Kraftverkehr Celle“ (KVC). - Drumherum ist Westercelle mächtig gewachsen. Quelle: Thomas Brandt Heide-Copter
Westercelle

Wo heute komplexe Gebäudetechnik verkauft wird und nebenan Autos aller Fabrikate auf Vordermann gebracht werden, ließ Fritz Bruns einst Öfen bauen, ehe hier an der Ecke Mondhagen/Hannoversche Heerstraße das Busunternehmen „Kraftverkehr Celle“ (KVC) seine Heimat fand.

Aus den KVC-Anfängen an dieser Stelle im Grenzgebiet zwischen Westercelle und Celle berichtet Gerhard Hoppenstedt (Jahrgang 1924). Er war von 1949 bis 1956 Omnibusfahrer, ehe er Cheffahrer von Dr. Albert Pipo, dem Geschäftsführer der Celler Trüller-Werke wurde und schließlich bei der Firma Christensen bis zur Rente tätig war. „Es war eine wunderbare Zeit beim Kraftverkehr Celle. Die Kollegen hatten alle ein sehr nettes Verhältnis untereinander“, sagt Hoppenstedt. Weil der gebürtige Wolthäuser als Kraftfahrzeugmechaniker (er hatte bei Speckhahn bis 1942 in Winsen gelernt und nach dem Krieg bei Winkelmann in Winsen als Busfahrer gearbeitet) viele kleine Reparaturen an den Bussen selbst vornehmen konnte, halfen ihm die Kollegen bisweilen dabei, seinen Bus zu säubern.

Noch älter sind Hoppenstedts erste Erinnerungen an den KVC. In den 1930er-Jahren half er seiner Mutter, die CZ in Wolthausen auszutragen. „Um 13.30 Uhr kam der Bus vom Kraftverkehr an und dann wurde das Paket Zeitungen rausgeworfen, das ich dann abgeholt habe. Am 4., 5. oder 6. eines Monats kam Herr Reinecke mit seinem Auto rum und dann haben wir abgerechnet. Damals haben nämlich noch die Austräger das Geld von den Zeitungsbeziehern eingesammelt“, erzählt Hoppenstedt.

Josef Schmolke (Jahrgang 1936) hat von 1977 an 14 Jahre lang KVC-Busse gefahren. „Vorher habe ich fünf Jahre lang im Rheinland Reisebusse gefahren. Das war auch schön. Beim KVC sind wir auch eine ganze Zeit lang für die Lebenshilfe gefahren“, sagt Schmolke. Auch er berichtet von einer guten Kollegialität unter den Busfahrern: „Wenn neue Busse kamen, hat der einen bekommen, der bislang den ältesten gefahren hatte.“

Hans-Jörg Hurrelbrink (Jahrgang 1937) war 26 Jahre lang Leiter der Reiseabteilung und Sachbearbeiter. „Mein Büro befand sich auf dem Bild dort, wo der VW-Bulli zu sehen ist“, sagt er zu dem alten Luftbild, das wir am vergangenen Sonnabend veröffentlicht hatten.

Jürgen Elendt (Jahrgang 1952) ist seit dem 1. Juli 1976 bei der KVC als Kraftomnibusfahrer, sprich KOM-Fahrer, beschäftigt. Elendt datiert das Foto auf den Zeitraum 1953/54, weil er damals im Bau befindliche Häuser identifiziert hat. An der Gießereistraße ist schließlich auch seine Familie 1956 in ein solches Haus eingezogen. Ein Teil des Ackerlandes im Vordergrund des Fotos gehörte auch dem KVC. Dieses wurde zum Teil in den Betriebshof integriert und ein weiterer Teil an die Firma „Theodor Flebbe“ veräußert, wo sich lange das Unternehmen „Teppichtraum“ befand.

Im vorderen Bildbereich erkannte Elendt einen Bus, der gerade betankt wird. Dazu erzählt er eine lustige Geschichte aus den 50er-Jahren: „Der damalige sehr strenge Betriebsleiter hatte die mitten auf dem Hof stehende Tanksäule beim Rückwärtsfahren, wie die damaligen Kollegen sagten, weggemäht. Er wurde danach hinter vorgehaltener Hand mit Häme und Spott überschüttet und die Tanksäule ist in den nördlichen Randbereich verlegt worden. Eine Geschichte, die auch bei heutigen Zusammenkünften immer noch gern erzählt wird.“

Ende der 90er-Jahre beschlossen OHE und Landkreis, dass die KVC aus Kostengründen vom Mondhagen an die Biermannstraße auf das Gelände der KOG ziehen sollte. Synergien waren das Stichwort. „Die Beschäftigten sind mit großen Wehmut von Westercelle weggegangen. Als dann wenig später der Abriss des Gebäudekomplexes begann, tat das den Kollegen richtig weh. Und ein Kollege, der in Nienhagen wohnhaft war, musste um in der Biermann­strasse seiner Arbeit nachgehen zu können, zweimal am Tag hier vorbei. Jeden Tag sehen zu müssen, wie sein ehemaliger Arbeitsplatz weiter abgerissen wurde, belastete ihn so schwer, dass er sich entschied hier nicht mehr lang zu fahren. Von da an hat er immer den Umweg über Altencelle genommen. Ein anderer Kollege ist jeden Tag hingefahren und hat den Abriss im Bild festgehalten. Für uns Beschäftigte wurde mehr zerstört als nur ein Betriebshof“, sagt Elendt.

Von den „Kapitänen der Landstraße“ zu den einstigen und heutigen Bewohnern der anliegenden Straße Mondhagen: Jutta Gilke (Jahrgang 1953) ist in dem ehemaligen Haus des Ofenbauers Bruns aufgewachsen. „Ich habe als Kind den Bau der Südtangente miterlebt. Wenn man das ganze mal mit heute vergleicht: Damals gab es noch richtig ,viel Gegend‘“, sagt Gilke.

Bärbel Breidenbach (Jahrgang 1942) weiß, dass der Ofenfabrikant mit seiner Familie im linken Teil des lang gestreckten Gebäudes wohnte. Sie selbst lebte mit ihrer Familie von 1950 bis 1951 im ersten Stocks dieses Hauses, ehe die Familie ins eigene Haus am Grenzweg zog. Den Umzug absolvierte man übrigens in einem Bus mit lang gestreckter Schnauze – Bärbel Breidenbachs Vater war damals Betriebsleiter des Unternehmens. Heidi Sawyer (Jahrgang 1943) berichtet vom einem Schwimmbecken, das Bruns zwischen Haus und Hecke hatte. Sie lebte von 1950 bis 1956 in dem großen Haus, das auf dem alten Bild einsam in der Feldmark stand, heute aber von vielen Häusern umgeben ist. Ihre Familie war vom Flüchtlingsheim an der Magnusstraße dorthin umgesiedelt. „Im Mondhagen fühlten wir uns wie im Paradies – nur Wiesen um uns herum. Im Winter hatten wir hinter dem Haus unsere eigene Eisfläche, und alle Nachbarskinder kamen zum Schlittschuhlaufen. Im Sommer spielten wir nur draußen bis zur Dasselsbrucher Straße. Der erste große Baum war unser Treffpunkt. Meine Eltern sagten immer, dass wir in Celle wohnen, denn Westercelle begann erst mit dem ,Grenzweg‘ der bei dem ersten Haus Richtung Hannoversche Straße verlief“, erzählt Sawyer.

Margret Wehrs (Jahrgang 1934) hat als junges Mädchen bei der Firma Bruns im Büro gearbeitet, dieses befand sich zwischen Wohntrakt der Unternehmer-Familie und den anderen Wohnungen, also im Mittelteil des noch heute existierenden Gebäudes. Sie selbst lebt seit 76 Jahren am Nadelberg. „Für mich gehörte der Mondhagen immer zu Westercelle. Ich kann noch genau sagen, wem welches Haus gehört hat und wer da nacheinander drin wohnte“, sagt Wehrs.

Elisabeth Meyer (Jahrgang 1941) ist am Mondhagen geboren. Sie kann sich noch gut daran erinnern, wie sie bei „Fliegeralarm“ als Kleinkind in den Luftschutzkeller der Firma Bruns gehen musste. Ihre Großeltern hatten 1912 den Hartmann-Hof am Mondhagen gekauft. Im vergangenen und in diesem Jahr wurde hier groß „Hof-Jubiläum“ gefeiert. Ausführlich berichtet das vorzügliche Buch „Erzähl doch was aus Westercelle!“ über diesen Hof. Am anderen Ende des Mondhagens galt es zwei beschrankte Bahnübergänge zu überwinden, um in Richtung Wietzenbruch zu gelangen.

„Ich habe meine heutige Lebensstabilität in den zwölf Jahren am Mondhagen bekommen“, ist sich Kirsten Esser (Jahrgang 1943) sicher. Die 70-Jährige arbeitet noch heute als Physiotherapeutin in Celle. Ihr Großvater Janus Jensen kam als Däne auf seiner Wanderschaft auch nach Westercelle, wo er sein Herz an Elsbeth verlor. Weil ihr Vater in den Augen der Nazis „staatenlos“ war, schickten sie ihn in ein Strafbataillon, in dem er nach dreimonatigem Fronteinsatz fiel.

Trotz dieses Verlustes war die Nachkriegszeit für Esser hier am Mondhagen „eine tolle Zeit“. Sie hat zum 70. Geburtstag ihrer in der Schweiz lebenden, älteren Schwester eine „Mondhagen-Saga“ geschrieben, die sie anlässlich dieses Ehrentages der Festgesellschaft vortrug. Sie berichtet von der Sandstraße mit Pfützen, in denen sie als Kind herumsprang. Sie erzählt von Völkerball-Spielen und wie einige andere auch vom Schlittschuhlaufen auf überschwemmten und dann zugefrorenen Wiesen. An Teppichstangen gab es mit „grenzenloser Phantasie“ regelrechte Zirkus-Vorführungen. „Ja, wir Kinder vom Mondhagen, wir waren schon eine Spieltruppe“, schwelgt sie in Kindheits-Erinnerungen.