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Alte Fotos erzählen 47: Achilles, Blumläger Friedhof und St.-Georgs-Garten
Thema Alte Fotos erzählen 47: Achilles, Blumläger Friedhof und St.-Georgs-Garten
03:06 08.08.2018
Von Andreas Babel
Celle Stadt

Die Anfänge der Firma Achilles an der Burgstraße sind in dem Luftbild dokumentiert, das wir am vergangenen Sonnabend veröffentlicht hatten. Ab 1950 hatte hier Werner Achilles seine Produktionshallen aufgebaut, nachdem sich der gebürtige Leipziger zunächst am 5. August 1946 seine „Glanzfolien-Kaschieranstalt“ an der Zöllnerstraße in Celles Altstadt gegründet hatte. Ganz rechts im Bild erkennt man die zu dieser Zeit von der Firma „Opel Maussner“ genutzte Halle, in der Lkw repariert worden sind. Dieses Gebäude steht noch heute nahezu unverändert dort.

Zuvor ist dieser Bereich zwischen Fuhse, Burgstraße und heutiger 77er-Straße (damals noch Schwarzer Weg, wie Klaus Greve betont) als Schieß- und Übungsplatz für die Burg- und die Heidekaserne genutzt worden. Davon berichtet Klaus Brandes (Jahrgang 1936). „Mein sechs Jahre älterer Bruder war nach Kriegsende mit einigen Kumpels über den Zaun geklettert und auf das Gelände gegangen. Ich bin auf der anderen Straßenseite stehen geblieben, weil es dort zu gefährlich war. Da wurde so einiges vom Gelände geplündert“, sagt Brandes. Die alte Lkw-Werkstatt lernte Brandes dann ab 1957 während seiner dreieinhalbjährigen Lehre als Autoschlosser auch von innen kennen.

Albert Gottschalk (Jahrgang 1935) gehörte zu den Kindern, die nach 45 auf dem Areal spielten. „Vor einem größeren Haus lagen damals Zünder für Dieselmotoren. Da haben wir mit Streichholzschachteln hantiert und plötzlich gab es ein kleines Feuer. Das Gelände war zwar eingezäunt, aber wir wären ja keine Jungs gewesen, wenn wir da nicht gespielt hätten. Wir haben dort auch alte Holzkisten organisiert, denn nach 1945 hatten wir in den Haesler-Bauten auf dem Blumläger Feld keine Heizung und wir brauchten Brennmaterial für unseren Ofen“, erzählt Gottschalk.

Auch Fritz Maussner (Jahrgang 1936) ist auf diesem Gelände groß geworden. Auf der unbesiedelten Fläche hat er eine merkwürdig geformte hohe Mauer ausgemacht. „Die war für die ganz schlechten Schützen gedacht, die auf dem Schießstand für die britischen Soldaten der Heidekaserne hier mit ihrem Gewehren Zielübungen machten“, erläutert er. Das Luftbild sei typisch für die 1950er-Jahre ab 1953, sagt er. Denn zuvor sei das Gelände ein großer Abstellplatz für in den letzten Kriegstagen zurückgelassene Fahrzeuge gewesen. „Die britische Militärregierung hatte unsere Firma erwählt, die Land- und Reichsstraßen, wie die Bundesstraßen früher hießen, von diesen Fahrzeugen zu säubern. Ende der 40er-, Anfang der 50er-Jahre war der Platz gut gefüllt mit unglaublichen Autos, die das Herz der Oldtimerfreunde von heute hätte höher schlagen lassen“, weiß Maussner.

In dessen Autohaus hat Hans-Jörg Hurrelbrink (Jahrgang 1937) von 1964 bis 1966 als Automobilverkäufer gearbeitet. Von Maussner wird im Rahmen dieser Serie noch ausführlicher die Rede sein.

Christa Galke (Jahrgang 1932) hat in den 1950er-Jahren sechs Jahre lang in der Firma Achilles am Band gearbeitet. „Ich bin ja als Flüchtlingskind schon mit zehn Jahren aus der Schule raus. Wir haben Plakate und Folien gemacht. Es war eine schöne Zeit“, erinnert sie sich. Werner Achilles sei ein „sehr, sehr netter Chef und ein ganz feiner Mensch“ gewesen, meint sie. Drei Jahre lang ist sie von ihrem Wohnort Hambühren mit dem Rad zur Arbeit gefahren – und das bei Wind und Wetter. „Dem Werner Achilles habe ich mehrere Klimaanlagen verkauft, das war ein netter Kerl“, sagt Erhard Pausch (Jahrgang 1924).

Hinter dem Gelände der Firma Achilles hatte sich direkt nach Kriegsende ein Mann namens Barber einen Schrottplatz angelegt. „Das war ein Jude, der aus dem Konzentrationslager kam, ich meine, er war auch in Belsen. Den Schrottplatz hat er geführt, um sich die Ausreise nach Israel zu finanzieren“, sagt Dieter Reinebeck (Jahrgang 1936). Er kannte ihn persönlich, weil er nach der Befreiung mit seiner Frau in Reinebecks Elternhaus in der Blumlage 90 wohnte. Seine Hochzeit hat er in einem Lokal in der Zöllnerstraße gefeiert.

Reinebeck und Irmchen Scholze (Jahrgang 1927) wissen von der Bedeutung der Grabstelle, die im äußersten Zipfel des Blumläger Friedhofs zu finden ist. Mutter und Tante von Irmchen Scholze haben dieses Grab jahrzehntelang gepflegt. Auf dem schlichten weißen Kreuz ist lediglich der Name Herbert Koch vermerkt, keine Lebensdaten, kein Geburtsort. Hier ist ein Soldat begraben worden, der in den letzten Kriegstagen bei einem Tieffliegerangriff an der Braunschweiger Straße tödlich getroffen worden ist. Nach Recherchen der Kirchengemeinde St. Georg in den Friedhofsunterlagen ist Herbert Koch am 22. Oktober 1920 geboren und starb am 8. April 1945. An diesem Tag fand der einzige Bombenangriff auf Celle statt. Im Kirchenbuch ist Koch nicht verzeichnet.

„Der junge Soldat ist hier beigesetzt worden. Kurze Zeit darauf kamen, soweit ich das in Erinnerung habe, eine junge Frau und ein Mädchen. Ob das deren Bruder und Sohn waren, weiß ich nicht mehr. Sie baten meine Mutter und meine Tante, ob sie das Grab in Ordnung halten könnten. Mein Vater hat das Holzkreuz gezimmert und den Namen draufgeschrieben. Die Angehörigen haben sich dann noch ein oder zwei Mal gemeldet. Sie kamen aus Edewecht bei Oldenburg“, erzählt Irmchen Scholze. Er wird indes nicht in der Gemeinde Edewecht geboren sein, denn auch dort findet sich kein Eintrag.

Scholzes Großvater und nach dessen Tod auf dem Schlachtfeld dessen Töchter führten die Gaststätte „Burgquelle“, die nur wenige Meter neben dem Grab des Soldaten liegt. Auch Reinebeck weiß von diesem Grab. Ein Fliegerangriff habe 1945 in der Nähe der Blumläger Kirche, „wo die Braunschweiger Straße anfängt“, erhebliche Schäden angerichtet. So sei ein Teil der Mauer der Haesler-Siedlung Georgsgarten umgefallen, auf der gegenüber liegenden Straßenseite sei ein Haus getroffen sowie die Fahrbahn beschädigt worden, erinnert sich Reinebeck aus eigener Anschauung. „Das war aber kein Zielangriff“, meint der Heimatforscher.

Klaus-Dieter Seisselberg (Jahrgang 1944) ist in der Burghalle aufgewachsen. Er hat sich dafür stark gemacht, dass die Burgstraße nach Werner Achilles benannt wird – bislang indes erfolglos. Für ihn ist Achilles ein beispielloser Celler Unternehmer mit großartigem geschäftlichen Erfolg. Seisselberg bezeichnet ihn als geradlinig, offen, adrett und fein gekleidet, immer mit einem „ernsten Lächeln im Gesicht“ und für seine Nachbarn zu einem Gespräch bereit.

Seisselberg kannte in späteren Jahren sämtliche Gewerbetreibende in dieser Ecke persönlich und gewann sie als Sponsoren für seine erfolgreichen Rollhockey-Mannschaften. So gab es dort die Fellhandlung Harry Perl und die Minispedition Hans Weran. Daneben hatte der Hanomag-Haupthändler Alfred Schwabe sein Terrain für Zugmaschinen. Auf dem jetzigen Parkplatz der Firma Achilles folgte der Schrott-, Lumpen- und Knochenhändler Wilhelm Biskupek.

In den Fuhsewiesen, wo heute der Parkplatz des Schulzentrums Burgstraße eingerichtet ist, hatte der Mini-Altbauer Promoli seinen Hof, der zweimal im Jahr von Fuhsewasser überschwemmt worden ist. „Den haben wir als Kinder immer geärgert“, erinnert sich Seisselberg, der seinen jungenhaften Charme nie abgelegt hat. Er hat sich übrigens auch auf dem Foto erkannt, das wir als Teil 2 unserer Serie vom Martinssingen in der Blumlage veröffentlicht hatten. Das Bild sei 1950 von Frau Zimmermann, Schwester des Malermeisters Heinz Brandes, gemacht worden, meint der Mann mit dem unglaublichen Gedächtnis. „Ich bin der Kleine mit der etwas seltsamen Baskenmütze“. Die hatte er zur Einschulung im April des Jahres bekommen, erinnert er sich noch wie heute.