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Alte Fotos erzählen 51: An Celles Alter Grenze
Thema Alte Fotos erzählen 51: An Celles Alter Grenze
17:11 24.01.2014
Von Andreas Babel
Der moderne Bau neben dem Reitplatz des Landgestüts (rechts unten) beherbergt die Zentralsterilisation des Allgemeinen - Krankenhauses. Vom einstigen Proviantamt sind daneben noch zwei größere Gebäude im Originalzustand übrig geblieben. - Oberhalb der beiden hellen „Hellmann-Blöcke“, die an der Jägerstraße stehen, ist die Neuenhäuser Kirche zu erkennen. - Am unteren Bildrand begann einst das Gelände der „Celler Knopffabrik“. Quelle: Thomas Brandt Heide-Copter
Celle

NEUENHÄUSEN. Das am Sonnabend in der CZ veröffentlichte Bild war Barbara Lange, geborene Seinecke, (Jahrgang 1947) Trost in schweren Stunden: „Ich saß am Kranken- oder besser Sterbebett meines Vaters, als man mir die CZ reichte. Dieses Bild aus den Tagen meiner Kindheit zu sehen, war so etwas von beruhigend für mich, das war ein unheimlich tolles Gefühl, wie ich dadurch schlagartig wieder in diese Zeit der 50er-Jahre versetzt wurde“, sagt Lange.

Ihrem Vater Adolf, der die „Celler Knopffabrik“ von seinem gleichnamigen Vater übernommen und bis zu deren Insolvenz im Jahre 1964 geleitet hatte, zauberte dieses Luftbild ein Lächeln auf sein Gesicht. „Er konnte sich das Foto nicht mehr selbst anschauen, aber ich habe ihm erklärt, was darauf zu erkennen ist, er war bei vollem Bewusstsein. Er hat auch gar keine Angst vor dem Tod, sondern er wird ein erlösender Moment für ihn sein, den er sich verdient hat“, sagt seine Tochter über ihren 92-jährigen Vater.

Unten auf dem Foto identifizierte Lange das kleine Pförtnerhaus an dem Kiesweg, der zur Knopffabrik führte, die selbst nicht mehr auf dem Luftbild erfasst war. Was aber zu sehen ist, sind die parkähnlich angelegten Gemüserabatten und Rasenflächen an der Straße „Alte Grenze“. Genau an dieser Straße stand eine Trauerweide, die für die junge Barbara Seinecke aber eher Grund zur Freude war. Zusammen mit ihrer Großmutter stellte sie dort eine Parkbank auf, von der aus man der Nachtigall lauschen konnte.

Und: „Hier unter der Trauerweide habe ich mich mit meiner ersten Jugendliebe getroffen, mit der ich Tarzan und Jane gespielt habe“, weiß sie noch wie heute. Sie schwärmt von ihrer „tollen Kindheit“ in diesem Bereich, der ihr damals wie das Paradies vorgekommen sei. „Wir haben nahezu jeden Sonntag Crocket im Park gespielt“, erinnert sie. Heute lebt die 66-Jährige in Brühl, könnte es sich aber vorstellen, eines Tages wieder in ihr geliebtes Celle zurückzukehren.

Als „Heeresverpflegungsamt“ kennt Arno Rößler (Jahrgang 1932) das eingezäunte Areal neben dem Trainingsplatz des Landgestüts, das als Proviantamt im Jahre 1903 seinen Anfang nahm. Nach dem Krieg war bis in die 1950er-Jahre hinein die englische Militärpolizei hier untergebracht. Bis 1997 wurde der Bereich als Standortverwaltung genutzt und nach deren Auflösung noch weiter als Kleiderkammer der Bundeswehr.

„Als der Zusammenbruch bevorstand, habe ich hier zwei Fässer Gurken rausgerollt. Wir Jungs haben gewartet, bis der Wachposten um die Ecke oder schon abgezogen war, weil die Engländer ja schon im Neustädter Holz waren“, berichtet Rößler von der Plünderung des Proviantamts. Als wenig später die Engländer in Celle waren, hätte man sich dort „Sachen holen können“, meint Dietrich Miers (Jahrgang 1932). Besonderen Eindruck machte auf ihn das „Bratlingspulver“. Ein derartiger Begriff sei ihm später nie wieder untergekommen. „Man hat Buletten daraus gemacht. Es gab in der Zeit ja nichts Besseres. Es hat aber so geschmeckt wie Hundefutter auf dem Fohlenmarkt“, sagt Miers. Als er sich gerade wieder mit Nahrungsmitteln wie Trockenkartoffeln versorgen wollte, wurde er gewarnt: „Geh man nicht auf die Kronestraße, da läuft eine Kolonne Polen mit ’ner Fahne rum. Und wer die nicht grüßt, den wollen sie mit einem Messer bearbeiten, sagen sie.“ Weil er sich das offenbar vorstellen konnte, dass sich die aus der Gefangenschaft des totalitären Regimes Befreiten derartig verhalten würden, blieb Miers noch eine Weile im einstigen Proviantamt, bis er meinte, dass „die Luft rein“ sei.

Aus den Kriegsjahren berichtet Rößler, wie er einen Wachposten des dortigen Gefangenenlagers ansprach, in dem Franzosen in Baracken untergebracht waren. „Haste mal einen Franzosen für mich, der mir den Garten umgräbt?“, habe er den Wachposten gefragt. Sein Vater war als Soldat im Krieg. Für seine Mutter und für ihn selbst als Knaben sei diese Arbeit zu schwer gewesen. Und tatsächlich habe ein französischer Kriegsgefangener den Kleingarten umgegraben. „Als Lohn haben wir ihm Bratkartoffeln gegeben. Da lief ihm das Wasser im Munde zusammen. Das war das letzte, was wir hatten“, so Rößler.

Hinter der am ehemaligen Proviantamt vorbeifließenden Fuhse hat er auf dem alten Bild die damals neu errichteten „Hellmann-Blöcke“ erkannt. Diese beiden Mehrfamilienhäuser, dessen vorderstes an der Jägerstraße steht, sind von seinem Schwager errichtet worden. Dessen Vater Rudolf sei als Jagdflieger im Herbst 1944 bei Kassel abgeschossen, das große Baugeschäft sei abgewickelt worden, woraus zum Ende dieser Ära diese Wohnblöcke hervorgegangen seien. Rolf Hellmanns Baugeschäft soll das sechstgrößte des Deutschen Reiches gewesen sein. Sein Vater habe dafür gesorgt, dass die Zweigstellen in Celle, Magdeburg und Lübeck jede für sich mit 200 Mitarbeitern autark gewesen seien, aber seine Familie sei nach dem Krieg „gnadenlos“ über den Tisch gezogen worden, sagt Eckart-Rolf Hellmann (Jahrgang 1940), der die Familientradition in Winsen fortführt.

Dietrich Hafner (Jahrgang 1943) weiß vom einstigen Proviantamt, dass das Gelände „für Jahre Sperrgebiet“ war. Die Briten hätten in der Wache, die sich auf der linken Seite des Schlagbaums befunden hat, auch Arrestzellen gehabt, habe er gehört. Was er aber noch ganz genau weiß, sind die kindlichen Versuche, sich das Taschengeld durch das Sammeln von Eicheln aufzubessern. „Wir haben auf dem Gelände des Landgestüts mit Knüppeln in die Bäume geworfen, damit die Eicheln herunterfallen. Das gefiel den Landgestütlern aber gar nicht und hin und wieder haben sie mit ihren langen Peitschen ganz schön zugelangt“, erzählt Hafner. Die Jungs flüchteten dann über die Mauer zur Straße „Alte Grenze“. Wenn die Mitarbeiter des Landgestüts auch hin und wieder trafen –Schlimmeres ist den jungen „Dieben“ nicht passiert. „Und wenn man das zu Hause erzählt hätte, kriegte man noch was dazu“, sagt Hafner.

Er erinnert sich noch daran, dass das Gebiet rund um die Trakehnerstraße einst aus einem Weizenfeld bestand. Auch in dem benachbarten Park und den Gemüsebeeten der Knopffabrik hätten die Jungen trotz Verbots gespielt, was den dortigen Platzmeister oft verzweifeln ließ.

Volker Schumann (Jahrgang 1945) lebte als Kind bis 1948 an der nahen Kronestraße. Er könne sich aus dieser Zeit noch „sehr gut“ ans Proviantamt erinnern, die Mauer und der Schlagbaum seien ihm aus diesen Tagen noch vor dem geistigen Auge präsent. Auch die Gärten auf der gegenüberliegenden Straßenseite habe er noch „dunkel in Erinnerung“. Von 1973 bis 1978 habe er an der „Alten Grenze“ gewohnt. Auf dem alten Luftbild habe er auch das Landgestüt-Gebäude erkannt, „wo die Hengste auf den Bock geschickt werden“, meint der Winser.

Heute sind Teile des Kreis-Hochbaubetriebes und bis auf weiteres das komplette Veterinäramt des Landkreises Celle hier beheimatet, diese allerdings nur als Mieter. Die Immobilien gehören nämlich dem Celler AKH, das hier die Instrumentenaufbereitung für die Celler und Peiner Kliniken sowie Belegärzte betreibt.

Bernd Timpel ist Leiter der Zentralsterilisation, die in einem modernen Gebäude auf dem Gelände vor rund vier Jahren in Betrieb genommen worden ist. 1100 Quadratmeter stehen hier an Fläche zur Verfügung. Neun Reinigungs- und Desinfektionsautomaten sorgen für hygienisch einwandfreie Instrumente. Ein Reinigungsgang dauert zwischen 80 und 115 Minuten. Zudem gibt es dort zwei Transportwagen-Waschanlagen.

Nach der Reinigung der Operations-Sets steht der Sterilisationsprozess an. Dieser dauert zwischen einer und sechs Stunden, je nachdem, ob mit Dampf oder mit Formaldehyd gearbeitet wird. Die Sets werden nochmals abschließend kontrolliert. Alles wird aufwändig dokumentiert. Statt Proviant wird heute eben steriles OP-Besteck ausgeliefert.