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Alte Fotos erzählen 53: Hochhäuser wachsen aus Boden der Celler Magistratswiesen
Thema Alte Fotos erzählen 53: Hochhäuser wachsen aus Boden der Celler Magistratswiesen
17:17 31.01.2014
Von Andreas Babel
Die Firma Alt siedelte sich Mitte der 1950er-Jahre rechts neben der Metallwarenfabrik an der Wittinger Straße an. Der Blick geht in Richtung Stadtfriedhof. Quelle: Stadtarchiv Celle
Celle Stadt

Die Herzogliche Fasanerie an der Wittinger Straße musste in den 1970er-Jahren dem Abrissbagger weichen, die verbretterte Scheune der Landwirtschaftskammer Lehrte und Hannover, die wenige Dutzend Meter dahinter auf den so genannten Magistratswiesen stand, wurde Brett für Brett abgebaut und an ihrem heutigen Standort in Altenhagen in der Nähe der Bundesstraße 191 wieder errichtet. So unterschiedlich geht man mit Bauwerken in Celle um.

Hermann Brune nutzte das etwa 90 Quadratmeter große Obergeschoss jener Fasanerie als Wohnung für seine Familie. Brune hat von 1925 bis 1966 hier gearbeitet, hat fünf Kastanien vor dem Fabrikgebäude pflanzen lassen. Anfang der 1930er-Jahre war er Prokurist der Metallwarenfabrik, die am 1. Oktober 1965 vom weitaus größeren Konkurrenten Wilhelm Berg aus Altena in Westfalen übernommen worden ist, wie Herbert Stöver (Jahrgang 1947) zu berichten weiß.

Stöver hat in Brunes Fabrik von 1963 bis 1965 seine Lehre zum Industriekaufmann absolviert. „Das war nicht einfach, aber ich habe viel gelernt. Es war eine sehr, sehr prägende Zeit für mich, weil man schon als Auszubildender alles vom Auftragseingang bis hin zur Rechnungsstellung erledigen musste. Das Büro bestand ja nur aus dem Chef, einer Sekretärin, einem jungen Kaufmannsgehilfen, der ging, als ich das so eben alles konnte, und einer Buchhalterin, die nur ab und zu kam“, schildert Stöver seine ersten Berufserfahrungen.

Zu seiner Zeit hatten sich die knapp 25 Mitarbeiter der Fabrik darauf spezialisiert, Bettgestelle für die einfachen Unterkünfte von Gastarbeitern herzustellen. „Das waren teilweise Etagenbetten, die aufeinandergesteckt werden konnten“, sagt Stöver. Ein zweites wichtiges Produkt waren Klappbetten aus Holz, die platzsparend an die Wand geklappt werden konnten. Die Fabrik bestand aus Tischlerei, Lackiererei und Versandabteilung. In der Schlosserei wurden die Bügel und Bettgestelle gebogen.

Karl-Heinz Heitmann (Jahrgang 1936) hat nach zweijähriger Arbeitslosigkeit als gelernter Tischler 1956 in der Metallwaren-Fabrik angefangen. „Wir waren vier Leute in der Tischlerei. Wir haben hier stapelbare Betten für die Bundeswehr und Baustellenunterkünfte hergestellt, ab 1955 kamen Wandklappbetten dazu“, sagt Heitmann.

„Es war sehr angenehm, hier zu arbeiten. Es war auch schon sehr sozial dort: Es gab Duschen und einen Aufenthaltsraum. Das gab es ja sonst in einer Tischlerei zu der Zeit nicht. Dann kam aber 1958 eine schlechte Zeit und es wurden elf Mann entlassen“, erzählt der Celler, der damals in Lachtehausen wohnte. Er landete dann bei der Eisenbahn und arbeitete in einer Rotte, welche die Gleise zwischen Wietzenbruch und Hambühren verlegte. „Bei der Eisenbahn bekam ich nur 1,45 Mark als Stundenlohn, in der Fabrik wurden wir vorher nach dem Metalltarif bezahlt: Das waren 2,01 Mark pro Stunde und 25 Prozent Akkordzuschlag“, erinnert sich Heitmann.

Michael Dehmel (Jahrgang 1965) hat an der Lüneburger Heerstraße gewohnt und seine Kindheit zwischen Lüneburger Heerstraße und Dammaschwiesen verbracht. Er erinnert sich noch gut daran, wie er auf den Bauruinen der abgerissenen Metallwaren-Fabrik gespielt hat.

Der erste Mieter und der erste Hausmeister des Hochhauses an der Dörnbergstraße 50 war Rudolf Schewe (Jahrgang 1946), der heute die Ruhe von Wienhausen genießt. Mitte 1974 startete man mit dem Bau des 97-Parteien-Hauses, am 1. April 1975 trat Schewe seinen Posten an. „Ich hätte eigentlich ein Buch über diese Zeit schreiben sollen. Ich habe 32 Jahre lang diese Wohnanlage als Hausmeister betreut. Wir hatten immer ein gutes Auskommen dort. Als wir im ersten Jahr eine große Fete gemacht haben und die Polizei kam und wollte, dass wir die Musik leiser stellen, konnten wir den Schalter nicht finden. Das machte aber nichts, weil das Hochhaus weit und breit das einzige Gebäude war und wir alles junge Leute waren, die ein bisschen feiern wollten“, erinnert sich Schewe. Bis 1978 waren auch die übrigen großen Wohngebäude auf dem Areal der Magistratswiesen errichtet, die einst die Hamburg-Mannheimer-Versicherungs-Gesellschaft gekauft hatte.

Die Dachbalken der 1976 abgerissenen Metallwarenfabrik sind übrigens in Scheuen wiederverwendet worden. Hier wurden sie beim Bau einer Bowlingbahn an der Schnuckendrift wieder verwendet. Diese Bahn existiert aber auch schon seit über 20 Jahren nicht mehr. Schewes Mutter Anna hat als junge Frau in der Metallwarenfabrik gearbeitet. Er erinnert sich auch an den kleinen Weg, der gegenüber der Fabrik zur sogenannten Seufzerallee an den Dammaschwiesen führte. Dieser Weg ist durch die Erweiterung der dortigen Tennisplatzanlage neben den Heilpflanzengarten verlegt worden.

„1978 sind wir einmal fürchterlich abgesoffen. Die Kanalisation der Wittinger Straße war noch nicht fertig und das ganze Wasser floss die Dörnbergstraße runter und in unser Haus. Wir hatten 93 Zentimeter Wasser in den Kellerräumen“, sagt Schewe. Heute noch leben fünf Mieter der ersten Stunde in dem Hochhaus, weiß er. Ihnen muss es hier also gut gefallen, wenn sie es dort seit fast 40 Jahren „aushalten“.

Der heutige Getränke-Markt befindet sich in der ehemaligen Aral-Tankstelle, die dort ein Mann namens Brauckmann geführt hat. Hans-Joachim Bartz (Jahrgang 1947) erinnert sich, dass neben der Metallwaren-Fabrik der Betrieb Alt Anlagenbau errichtet wurde. Schewe meint, dass die Schlosserei Alt Behälterbau betrieben habe. Das sei der Vorgängerstandort der heutigen Firma Roy und Alt Schwimmbadtechnik in Westercelle gewesen. Heute steht an dieser Stelle der Edeka-Markt Mußwessels. Das alte Foto, das wir am Sonnabend, 25. Januar 2014, veröffentlicht hatten, muss aus dem Jahre 1954 stammen, wie ein Anwohner meint, der noch einen alten Apfelbaum aus jener Zeit neben seinem Grundstück zu stehen hat. Darauf hat Bartz das Institut für Kleintierzucht erkannt. Das ist 1935 eingerichtet worden, um in Sachen Seidenraupenzucht zu forschen. Die Seide sollte in erster Linie für die Produktion von Fallschirmen dienen, die in Hitler-Deutschland im Zweiten Weltkrieg benötigt worden sind. Später wurden die Aufgaben erheblich erweitert.

„Kurzfristig habe ich im Jahr 1979 mal in dem Hochhaus an der Dörnbergstraße 50 gewohnt. Damals gab es lange Wartelisten, um an eine dieser Wohnungen ranzukommen. Die Wohnungen waren so, wie man das von dem Spruch aus der Schokoladenwerbung kennt: Quadratisch, praktisch, gut“, sagt Bartz. Schon beim Bau des Elternhauses seiner ersten Frau an der Nöldecke-straße sei bekannt gewesen, dass dort in der Nähe die Trasse der Celler Ortsumgehung vorbeiführen solle, meint Bartz. Seitdem sind schon 77 Jahre vergangen und die Ortsumgehung führt noch nicht einmal bis zur Aller, geschweige denn bis nach Lachtehausen oder gar Groß Hehlen.

Gerhard Plate (Jahrgang 1952) meint, dass die Versuchsfelder auf den Magistratswiesen Anfang der 1960er-Jahre aufgelöst und an die Bundesstraße 191 nach Altenhagen verlegt worden sind. Plate ist der Spangenbergstraße treu geblieben, an der er aufgewachsen ist. „Ich hatte eine schöne Kindheit hier. Es war alles freie Pläne dort, aber wir haben ja auch noch heute eine gute Natur: die Lachte, die Alleraue und Thaers Garten“, sagt Plate, der vor kurzem in die Phase der Altersteilzeit eingetreten ist. Er will hier aus dem oberen Hehlentorgebiet nicht mehr weg. Und das, obwohl man die Veränderung doch als immens bezeichnen muss.