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Alte Fotos erzählen 54: Schreibwarengeschäft Wöhrmann von 1835 bis 1999 in Celles Altstadt
Thema Alte Fotos erzählen 54: Schreibwarengeschäft Wöhrmann von 1835 bis 1999 in Celles Altstadt
18:24 07.02.2014
Von Andreas Babel
Lange Zeit war die Schreibwarenhandlung Wöhrmann Am Markt 16 neben dem Alten Rathaus (links im Bild) beheimatet. (Postkarte aus dem Jahr 1913). Quelle: Sammlung Arnold Linke
Celle-Altstadt

Das Schreibwarengeschäft Wöhrmann war einst Nachbar des Alten Rathauses. Dort, wo heute die Citywache der Polizei Celle ihre Räume hat, wurden damals Stifte, Hefte und sonstiges Büromaterial verkauft. Die Firma wurde 1835 an der Mauernstraße gegründet, wo sie bis 1863 beheimatet war. Fortan und bis 1919, so weiß Arnold Linke (Jahrgang 1930), war Wöhrmann Am Markt 16 ansässig, ehe die Firma die Straßenseite wechselte und dann Am Markt 10 residierte. Hier leben die Nachfahren Dirk und Heidrun Wöhrmann noch heute, das Geschäft gibt es indes schon seit 1999 nicht mehr. Auf dem Foto aus dem Jahre 1932, das wir am vergangenen Sonnabend gezeigt hatten, haben die letzten Erben indes Dirk Wöhrmanns Großmutter Anna erkannt.

Im 164. Jahr nach der Firmengründung im Jahre 1835 war aus verschiedenen Gründen Schluss, erläutert Heidrun Wöhrmann (Jahrgang 1944). Das Paar, das den Laden in fünfter Generation elf Jahre lang geführt hat, gab auf. Denn das Geschäft warf nicht mehr den Umsatz ab, der ausreichte, acht Angestellte zu beschäftigen, außerdem musste ein hoher Betrag für das Geschäft an die vorherige Betreiber-Generation gezahlt werden, und das „Monopol“ auf Handarbeiten aus dem Erzgebirge, die in Celle verkauft wurden, war durch die Maueröffnung weggefallen. „Die Anzahl unserer Angestellten war nicht weg zu reduzieren, weil in jedem Bereich noch bedient wurde. Heute bewundere und beneide ich die großen Drogeriemärkte, in denen jedes Schulkind sich seine Sachen selbst aussuchen kann und zurechtkommt“, sagt Heidrun Wöhrmann. Nach der Schließung waren die Bekleidungsgeschäfte „Ernsting‘s Family“ elf Jahre und anschließend Kirsch dreieinhalb Jahre lang Mieter Am Markt 10. Am Montag wird hier der Brillenladen „eyes & more“ sein neues Geschäft eröffnen.

Während Linke sich nur erinnert, dass er in der Nachkriegszeit bei Wöhrmann Ansichtskarten von Celle und Schreibpapier gekauft hat, besitzt Ingrid Meier (Jahrgang 1933) noch eine Erika-Schreibmaschine, die ihr Vater in den 1930er-Jahren in diesem Geschäft gekauft haben muss. Diese Reiseschreibmaschine sieht genauso aus wie die, die auf dem 1932er-Foto links im Vordergrund zu erkennen sind.

Waltraud Eicke (Jahrgang 1934) zog mit ihrer Familie im Jahr 1979 von Hannover nach Eicklingen. Für den Familienbetrieb Strahlen, Fräsen, Schleifen (SFS) Eicke hat Waltraud Eicke bei Wöhrmann einige Leitz-Ordner gekauft. Sie weiß auch noch, dass es dort Geschenkartikel gab. So hat sie von ihrem Sohn Gerd, der heute den Betrieb führt, eine Schreibtischgarnitur zu Weihnachten geschenkt bekommen. Und im Jahr 1982 oder 1983 hat sie selbst ein „wunderbares Schachbrett“ dort gekauft, was noch heute im Gebrauch ist. Ihre Tochter suchte sich hier Kugelschreiber mit Motiven und Radiergummis für die Schule aus, die gerade modern waren.

„Die Verkäufer waren sehr kompetent. Man wurde gut beraten und sie haben einem nichts aufgedrängt. Ich war oft dort, weil ich die persönliche Beratung sehr mochte und habe sehr viel eingekauft, was ich so fürs Büro brauchte“, sagt Waltraud Eicke.

Bärbel Hahn (Jahrgang 1934) kennt das Geschäft noch aus den frühen 1940er-Jahren, weil ihre Tante Elfriede Kruse bei Wöhrmann als Verkäuferin tätig war. Sie weiß auch noch, dass dort ein Fräulein Hemme tätig war, das später in Eschede ein eigenes Geschäft aufgemacht hat. Dabei handelt es sich um Gretchen Hemme, die in ihrem Escheder Geschäft auch eine Agentur für die Cellesche Zeitung betrieben hat. Bärbel Hahn identifiziert die damalige Inhaberin Wöhrmann, die links auf dem Bild zu sehen ist. Das Geschäft sei „ein riesiger Schlauch“ gewesen. Ganz am Ende des Schlauchs lag der Aufenthaltsraum fürs Personal.

Sie selbst deckte sich als Schülerin hier mit Schulheften, Kladden, Buntstiften und Tuschkästen ein. „Es wurden auch viele Füllfederhalter verkauft. Einen Ibis-Füllfederhalter mit 14-Karat-Goldfeder habe ich noch, aber ich schreibe kaum damit“, sagt Hahn. Später habe sie ihre Schulhefte aber beim Schreibwarengeschäft Romberger an der Kanzleistraße kaufen müssen, weil nur dieses Geschäft die farbigen Hefte anbot, welche die Mittelschülerin benötigte.

Den Wöhrmann‘schen Laden empfand sie als schön. Sie meint, dass der Fußboden gefliest gewesen sei. Sie weiß, dass hinter dem Tresen Holzlatten auf diesen Fliesen lagen, vielleicht, weil es sonst fußkalt gewesen wäre.

„Irgendwann war mal eine Hochzeit. Annas Sohn hat im Krieg 1943 geheiratet. Und ich und zwei Cousinen haben Blumen gestreut. Als Kind von acht oder neun Jahren habe ich nicht begriffen, warum das Brautpaar mit einer Kutsche die paar Meter bis zur Stadtkirche gefahren ist. ,Warum gehen die nicht zu Fuß?‘“, hat sie sich gefragt. „Und später habe ich deren Sohn Dirk ausfahren dürfen“, sagt Bärbel Hahn. Dabei schob sie den Stammhalter lediglich durch die Gassen der Altstadt, denn weiter traute man sich damals als Kind noch nicht, meint sie.