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Alte Fotos erzählen 55: Celler Neustadt hat sich erheblich verändert
Thema Alte Fotos erzählen 55: Celler Neustadt hat sich erheblich verändert
14:17 07.05.2015
Von Andreas Babel
Die Fuhsebrücke stellte ab 1913 - ein repräsentatives Eingangstor - zur Neustadt dar (Postkarte aus - dem Jahr 1919). Quelle: Sammlung Arnold Linke
Celle-Neustadt

„Es gab fünf Lebensmittelläden, vier Bäcker, drei Schlachter und drei Fahrradhändler in der Neustadt. Dazu noch zwei Kohlenhändler, zwei Blumenläden und eine Drogerie“, zeichnet Holger Fröchtenicht (Jahrgang 1945) das Bild eines florierenden Celler Stadtteils, in dem er von 1954 bis 1967 gelebt hat. „Beim Fahrradhändler Gehrmann haben wir uns Tretroller für 40 Pfennig die Stunde ausgeliehen“, weiß er noch.

„Die Neustadt war besser bestückt mit Läden als heute unsere Innenstadt“, meint Margrit Prediger (Jahrgang 1935). Ihr Vater Fritz Wolters war Platzmeister beim Sägewerk Klockmann, das auf dem alten Foto, das wir am vergangenen Sonnabend veröffentlicht hatten, im oberen Bereich zu sehen ist. Ihr Vater fiel im Krieg, ihre Mutter starb, als ihre Tochter gerade einmal zwölf war. Sie kam zu den Großeltern nach Klein Hehlen, hat die Neustadt aber in guter Erinnerung behalten.

Vorkriegs-Erinnerungen an die Neustadt hat auch Rudolf Peterson (Jahrgang 1930), der bis zu seinem sechsten Lebensjahr in einem zwischen Erichsgasse und Mittelgasse gelegenen Haus wohnte. „Wir Kinder haben oft beobachtet, wie von Belgiern gezogene Gespanne ganz rechts auf der Fuhsebrücke hielten und warteten, bis sie gefahrlos in die Gehrkengasse zum Sägewerk fahren konnten. Die Männer mussten immer darauf achten, dass sie mit dem Langholz auf dem auseinandergezogenen Wagen nicht an einem Haus aneckten. Das war eine komplizierte Akte“, sagt Peterson.

Volker Schumann (Jahrgang 1945) hat von 1948 bis 1973 in der Neustadt gelebt. Der heutige Winser hat die Trasse der Celler Straßenbahn anhand eines schmalen dunklen Streifens am unteren Bildrand neben der Fahrbahn der „Neustadt“ identifiziert.

Er hat in der Chronik der Freiwilligen Feuerwehr Celle nachgeschlagen, dass das Sägewerk am 10. Mai 1957 abgebrannt ist. „Ich habe von dem Brand in den frühen Morgenstunden zunächst nichts mitgekriegt. Meine Mutter hat zwar die Feuerwehr durch die Gasse fahren hören, hat aber nur mit der Hand an die Wand gefasst und als sie merkte, dass die Wand kalt war, hat sie sich umgedreht und weitergepennt. Unsere cremefarbenes Rollo in der Küche war aber blutrot vom Feuerschein“, erzählt Schumann. An das Feuer erinnert sich auch Fröchtenicht: „Man hat sich erzählt, dass die Leute im Texas oben auf den Böden mit Wassereimern bereitstanden, falls durch Funkenflug, der in ihre Richtung ging, ein Feuer entstehen sollte.“

Gerhard Kraschinski (Jahrgang 1941) hat bis zur Schließung des Sägewerks im Jahr 1994 dort gearbeitet. Von 1958 bis 1961 ging er hier zur Lehre. Als die beiden Chefs gestorben waren, musste das Sägewerk mit Zimmerei und Tischlerei schließen. Kraschinskis drei Kinder sind hier aufgewachsen – seine Familie lebte 15 Jahre lang in dem Gebäude, dessen Obergeschoss mit blau gestrichenen Brettern verkleidet ist. „Das war eine wunderschöne Ecke früher. Dort ließ es sich wunderbar leben“, sagt Kraschinki.

Die helle weiße Fläche am oberen rechten Bildrand war für ein bis zwei Jahre von den Jungen der Neustadt als Fußballplatz auserkoren. Schumann meint, dass der Sand von einem Bauprojekt des nahe gelegenen Klärwerks stammte, mit dem man den dortigen tiefer liegenden Bereich aufgefüllt hat.

Hans-Joachim Bartz (Jahrgang 1947) hat gehört, dass sich die Erdöl-Gesellschaft Mobil-Oil in dem Bereich, auf den Rieselfeldern der so genannten „Königswiese“, niederlassen wollte. Das müsse so um 1955 oder etwas später gewesen sein, meint Bartz. Der Grundstückshandel scheiterte aber wohl an unterschiedlichen Kaufpreis-Vorstellungen – Mobil-Oil baute das Hochhaus an der Burggrafstraße in der Nähe des Güterbahnhofs.

Als Neustädter Kind bezeichnet sich Thea Newesil, geborene Röttjer (Jahrgang 1943). Sie erinnert sich noch gut, wie man auf der im Winter überfluteten Wiese des Bauern Giesemann eislaufen konnte. Die Wiese auf der stadtauswärts gelegenen Seite hieß nach dem dortigen Bauern „Brauls Wiese“. Neben diesen beiden gab es in der Neustadt noch einen dritten Landwirt namens Pfeiffer. Der Bauernhof Giesemann lag damals dort, wo heute Zweirad Meyer seine modernen Geschäftsräume verwirklicht hat.

Thea Newesil hat bis 1959 in der Neustadt 49 gewohnt. Im Erdgeschoss des Hauses stellte der Kaufmannsladen Eichstädt die Nahversorgung sicher, daneben lag die Gärtnerei, deren Gewächshäuser man im zurückliegenden Grundstücksbereich auf dem alten Bild erkennen kann. Besonders beeindruckt hat es Thea Newesil mitzuerleben, wie der Schützengeneral Braul von seinem Schützenvolk mit einer Kutsche abgeholt worden ist.

Die Großeltern von Christa Mai (Jahrgang 1937) haben das Mehrfamilienhaus bauen lassen, in dem die 76-Jährige ihr ganzes Leben zugebracht hat. Einst lebten vier Familien an der Gehrkengasse 25, heute sind es nur noch zwei. Es leben noch einige andere Alteingesessene in diesem Straßenzug. Als sie das Foto gesehen hat, hat Christa Mai nachgerechnet: Sie kommt auf sechs Familien, mit deren ältester Generation sie aufgewachsen ist. „Wir haben immer auf der Straße gespielt. Die war zum Teil aus Kopfsteinpflaster. Wir haben dort Völkerball, Hinkekästchen und Treibball gespielt“, erzählt Christa Mai. Beim Treibball hat immer jemand den Ball so weit er konnte fortgeworfen und alle Kinder rannten hinterher. Wer den Ball als Erster erreichte, nahm ihn auf und warf ihn erneut so weit er konnte und so weiter und so weiter.

Seit 54 Jahren lebt Christa Mai mit ihrem Mann Horst unter einem Dach. Im Jahr 2009 feierten die beiden das Fest der goldenen Hochzeit. Zum Einkaufen geht man heute nicht mehr um die Ecke, sondern muss zum Lauensteinplatz oder zum Real-Markt An der Hasenbahn fahren. „Wenn das Wetter einigermaßen ist, dann gehe ich mal umme Neustadt oder durch die Kuckuckstraße. Es ist immer noch ein schönes Wohnen hier“, sagt Christa Mai. Besonders freut sie sich über die Rosenbeete vor ihrem Haus.

Ihre Tochter Angela Mai-Jäckel (Jahrgang 1960) hatte als Kind hier zwei Spielplätze: das Gelände des Sägewerks und den alten Friedhof gegenüber ihrem Elternhaus. „Auf dem Sägewerk durfte man natürlich eigentlich nicht spielen, wir haben aber immer aufgepasst, dass uns keiner erwischt. Auf dem Friedhof haben wir manchmal Totenköpfe gefunden, die dort durch irgendwelche Erdbewegungen zum Entsetzen unserer Großeltern an die Erdoberfläche gekommen waren“, erzählt Mai-Jäckel.

An den aufgegebenen Friedhof erinnert sich auch Gerhard Effinghausen (Jahrgang 1936). Die rote Backsteinmauer, die ihn umgab, ist ihm besonders im Gedächtnis geblieben. Bei einer Konfirmation in Bremerhaven hat er die einstige Pastorin der Neustädter Kirche wiedergetroffen. Deren Pfarrhaus war auf dem alten Friedhofsgelände errichtet worden. Effinghausen fragte sie, ob sie sich nicht vorstellen könne, eines Tages in die Neustadt zurückzukehren, was sie aber vehement verneinte. Sie sei durch irgendwelche in dem Haus enthaltenen „Stoffe“ krank geworden, habe sie ihm berichtet.

Karl-Heinz Heitmann (Jahrgang 1936) ging ab 1951 beim Tischlermeister Reinecke in der Neustadt in die Lehre. „Im Winter hatten die Tischler ja nichts zu tun, weil die Bauten still lagen. Die Bauern hatten Holz gemacht. Und wir Lehrlinge haben beim Sägewerk Klockmann die Bäume geschält. Ich habe Holz mit dem Handwagen bis nach Hambühren transportiert. Feierabend war in Hambühren und dann mussten wir noch zurück und dort die Bude sauber machen“, berichtet Heitmann von seinen Lehrjahren in der Neustadt.

Das neueste Hochwasser-Projekt der Stadt Celle in diesem Bereich bezeichnet Angela Mai-Jäckel scherzhaft als „Chinesische Mauer“. Früher hätten die Fluten schon mal bis an die Gartengrenze gestanden. Das Grundstück liegt aber gut eineinhalb Meter höher als die Aue. Sie verwundert es nicht, dass die Mauer prompt als „Kunstwerk“ missbraucht worden ist. „Diese lange, gerade Fläche lädt ja dazu ein“, meint Mai-Jäckel.

Die Hochwassermauer wird nicht verhindern können, dass Wasser in die Keller eindringt. Das geschieht nämlich immer dann, wenn das Hochwasser zurückgeht, denn das Grundwasser drückt von unten hoch und beschert nasse Füße im Souterrain. So schlimm wie 1945 wird es hoffentlich nicht mehr werden. Vor 68 Jahren hatten die Fluten von Fuhse und Aller den Keller des Hauses der Familie Mai gefüllt: Etwa eineinhalb Meter stand das Wasser dort.

Der Schutz vor den Fluten hat das gewohnte Bild erheblich verändert. Heute müssen die Anwohner weite Wege zurücklegen, ehe sie an die Fuhse gelangen. Trotz der Lichtkunst-Elemente auf der heutigen Fuhsebrücke bietet dem stadteinwärts Fahrenden der Blick nach links heute herzlich wenig. Aber auch zu früheren Zeiten war die Fuhsebrücke ein Ort, an dem sich Lichtkünstler versuchten, wie eine alte Postkarte beweist. Dort wurde 1913 eine Betonbrücke errichtet, die 1968 erneuert wurde. Eine erste Brücke an dieser Stelle ist nach Ermittlungen von Arnold Linke (Jahrgang 1930) bereits im Jahr 1325 gebaut worden – doch daran wird sich vermutlich niemand mehr erinnern.