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Alte Fotos erzählen 56: Von der Rheingoldbar zur Celler Diskothek
Thema Alte Fotos erzählen 56: Von der Rheingoldbar zur Celler Diskothek
14:15 07.05.2015
Von Andreas Babel
Ende der 60er-Jahre war Peter Taubert als Kellner im Café Lynen angestellt (Foto oben). - Jürgen Güllert (links im Foto unten) musizierte Ende der 50er-Jahre mit Colin Brooks und Wolfgang Bergs (rechts) in der Rheingoldbar. Quelle: Sammlung Jürgen Güllert/ Repro: Alex Sorokin
Celle-Altstadt

Insbesondere die 1950er-Jahre hat Cordt Reinecke (Jahrgang 1945) im Trüllerhaus an der Westcellertor_straße/Ecke Schlossplatz miterlebt. Im ersten Obergeschoss lagen Praxis und Wohnung seines Vaters. Dieser war Zahnarzt. Im Erdgeschoss führten August und Hildegard Lynen das nach ihnen benannte Café Lynen, nebenan gab es lange Zeit das Lebensmittelgeschäft Lynen. Im Keller führte das Gastronomen-Ehepaar den Weinkeller mit der so genannten „Rheingoldbar“.

Die beiden Lokale waren früher „Treffpunkt der gehobenen Celler Männergesellschaft“, meint Reinecke: „Aus heutiger Sicht meine ich das so interpretieren zu dürfen, dass man dort die oftmals nicht ausgelebte Jugend mit Geselligkeit und alkoholischen Getränken kompensieren konnte.“

Und dann berichtet Reinecke noch von seinen Streichen: „Im Weinkeller wurde natürlich auch Wein getrunken. Die leeren Flaschen, die damals noch Pfandflaschen waren, wurden hinten auf den Hof gestellt. Ich habe mir immer zwei oder drei geholt und bin mit diesen in das Lebensmittelgeschäft von Lynen gegangen. Ich wollte mir damit nicht das Taschengeld aufbessern, sondern habe mir davon etwas zum Schmökern geholt. Ich bin froh, dass es Verjährungsfristen gibt. Und außerdem haben wir im Schutze der Dunkelheit bei den wertvolleren Weinflaschen von den Hälsen das Staniol abgelöst und gesammelt und beim Schrotthändler für dieses Blattzinn Cash bekommen“, sagt Reinecke.

Auch Dieter Loeper (Jahrgang 1938) kennt die Lokale im Trüllerhaus aus jungen Jahren. Seine Mutter Betty hat dort von 1949 bis 1952 in der „Stadtküche“ als Kaltmamsell und später als Servicekraft im Café gearbeitet. „Sie hatte jede zweite Woche Spätschicht und ich habe sie als einziger Mann im Haus dann immer abgeholt. In einer mondhellen Nacht lief uns ein angetrunkener Mann in die Arme, den wir auf unserem etwa 2,5 Kilometer langen Weg nach Altenhagen mit genommen haben. Wir haben dann nach Mitternacht bei der Gemeinde geklingelt und ihm eine Notunterkunft für Spätheimkehrer besorgt“, erzählt Loeper. Er erinnert sich auch noch, dass der Vater des heutigen Seniorchefs des Cafés Müller in der Küche der „Stadtküche“ und später des Café Lynen gearbeitet hat: „Er hat mit einem Waffeleisen leckere Waffeln und sehr gutes Eis gemacht.“

Egbert Radusch (Jahrgang 1941) weiß, dass 1961, als er Abitur gemacht hat, Lynen in seinem Lebensmittelladen als Erster in Celle Einkaufskörbe mit Henkeln eingeführt hat. Er erinnert sich wie viele andere Zeitzeugen, dass der damalige CZ-Verleger Ernst Pfingsten im Café Stammgast war und oft mit August Lynen zusammensaß.

Marianne Lumma (Jahrgang 1940) hat in Lynens Drei-Generationen-Privathaushalt in Neuenhäusen gearbeitet. Sie kennt auch das Trüllerhaus und weist darauf hin, dass die Postkarte, die wir am vergangenen Sonnabend veröffentlicht hatten, nicht etwa den Weinkeller, sondern das Café Lynen im Erdgeschoss zeigte.

Renate Gaehn (Jahrgang 1944) ist 1962 nach Celle gekommen und ließ sich am AKH zur Kinderkrankenschwester ausbilden. „Eines Tages kam der Oberste der holländischen Soldaten zu unserer Oberin und hat sie gefragt, ob seine Soldaten ein paar junge Mädchen zum Tanzen ausführen dürften. Sie hat zugestimmt und die Soldaten haben uns unten in die Bar des Cafés Lynen eingeladen. Es war sehr nett“, sagt Gaehn. Ein zweites Mal hat sie das Café etwa zehn Jahre später betreten, als sie ihren angeschickerten Mann dort abholte.

Martina Batel (Jahrgang 1958) hat ihrer Mutter Therese Jama (Jahrgang 1913) als junges Schulkind einmal in der Küche des Cafés helfen dürfen. Ihre Mutter hatte dort etwa von 1963 bis 1967 nach dem Tode ihres Mannes gearbeitet, um sich ihre kleine Witwenrente aufzubessern. Sie musste immer von 18 Uhr an mit offenem Ende arbeiten.

Hannelore Langen, geborene Schulze (Jahrgang 1940) hat 1958 eine nette Runde mit Schülerinnen und dem verehrten Lehrer „Onkel Hank“ von der Sprachenschule im Café Lynen zugebracht.

„Im Café Lynen wurde ich mit ,Russisch Ei‘ verwöhnt! Das waren zwei halbe hart gekochte Eier auf einem Mayonnaisesockel, dazu Lachsersatz und deutscher ,Kaviar‘ an Kartoffelsalat. Der Preis: 1,10 DM. Für mich der siebte Himmel. Für die damalige Zeit neben Toast ,Hawaii‘ der absolute gastronomische Höhepunkt“, meint Heinz Fuhlrott (Jahrgang 1944).

Zusammen mit ihrer Freundin Helga Schütze hat Vera Schlüter (Jahrgang 1943) als Kellnerin in der Diskothek „Oldtimer“ gearbeitet. Auch in der Zeit vorher, als hier noch die „Rheingoldbar“ Gäste anzog, war Vera Schlüter schon an Bord. Der Gastronom, der August Lynen folgte, Hajo Knoop, hatte viele gute Ideen. Eine davon, eine Kinderdisco von drei bis sechs Uhr, war immer „rappeldicke voll“, sagt Schlüter.

„Es war eine wunderbare Zeit dort. Wir waren eine sehr tolle Truppe. Das war ja unsere Sturm-und-Drang-Zeit. Mit einigen Kollegen habe ich immer noch Kontakt. Es gab ja ein regelrechtes Bermuda-Dreieck zwischen dem ,Joke‘ in der Breiten Straße, der ,Königinbar‘ in der Neustadt und dem ,Oldtimer‘“, meint die einstige Servicekraft. In den Lokalen im Trüllerhaus gab es bis 3 Uhr nachts warme Küche. „Wir profitierten enorm von den Bällen in der Union, deren Gäste später zu uns kamen“, so Schlüter. Als es Probleme mit Jugendlichen „einschlägiger Celler Familien“ gab, habe Hajo Knoop einen Türsteher einstellen müssen. Einmal sei sie mit ihrer Kollegin Helga Schütze in der flauen Zeit nach Fasching für ein paar Monate als Bedienung nach Travemünde ins Kasino gegangen. „Aber im Herbst sind wir wieder bei Lynen gelandet. Viele Kollegen haben dort über Jahre gearbeitet“, sagt Vera Schlüter.

Jürgen Güllert (Jahrgang 1938) hat in der Rheingoldbar in den Jahren 1957 und 1958 meist mit dem Wiener Hannes Krepela (Akkordeon) musiziert. Der Celler spielte Kontrabass. Manchmal war auch ein englischer Saxofonist dabei. Die Kellerbar war jahrelang Stammlokal der Schauspieler des Schlosstheaters. „Eine Schauspielerin mittleren Alters, deren Namen ich nicht kenne, nickte uns immer zu und wir mussten dann immer ein Stück aus der Wiener oder ungarischen Ecke spielen. Als Dankeschön gab es immer einen Whisky“, erzählt Güllert.

Obwohl er auch später noch viel musiziert hat, bezeichnet der Celler die Ära in der Rheingoldbar als „meine schönste Zeit“. Viele Dreißiger bis Sechziger sind dort gerne tanzen gegangen. „Das war schon was damals. Das war großartig in jeder Beziehung“, sagt Güllert.

Hans-Dieter Schmidt (Jahrgang 1948) hat etwa ab 1967 zehn Jahre lang als Stammgast im Trüllerhaus verkehrt. „Meine Frau und ich sind sehr gerne dorthin gegangen. Zuerst hat man sich im Café Lynen aufgehalten und ab zehn Uhr ging es so langsam in den Keller. Hajo Knoop wollte gerne Stammgäste haben und deshalb hat er Stammkarten ausgegeben, die den Inhabern bevorzugte Platzwahl und dergleichen garantierten. Doch manchmal musste man trotzdem auf der Treppe bis zu einer Stunde warten und hat dort meist sehr nett geklönt“, berichtet Schmidt.

„Das Café Lynen war oben, die Rheingoldbar war 398 Zentimeter unter der Erde – damit wurde immer Reklame gemacht“, weiß Hänschen Röling (Jahrgang 1940) noch. Er will auch mitbekommen haben, wie die große Schauspielerin Ruth Maria Kubitschek in der Bar getanzt hat „und mit den anderen Schauspielern bei Wein und Sekt feucht-fröhlich war“. Röling meint, dass man solch einer Bar heute aus Brandschutz- und anderen Sicherheitsgründen keine Genehmigung mehr erteilen würde.

Peter Taubert (Jahrgang 1948) war von 1967 bis 1969 als erster und einziger männlicher Kellner in der Lynen-Dynastie tätig. „Da musste ich schön artig mit schwarzem Anzug und Fliege rumlaufen. Dann habe ich den DJ David Maxwell kennen gelernt. Etwa 1968 hat Hajo Knoop den Laden übernommen und ich wurde DJ“, sagt Taubert, der bis 1974 im Musikgeschäft war. Er erinnert sich an viele Geschäftsleute, die regelmäßig zum Essen kamen: „Bratkartoffeln mit Spiegeleiern kosteten bis 12 Uhr 3,65 Mark, anschließend 4,15 Mark. Das gab jedesmal bis 12 Uhr einen Massenandrang.“ In die Diskothek Oldtimer passten etwa 100 Besucher. Man zahlte zwar keinen Eintritt, musste aber sofort ein erstes Getränk kaufen.

Klemens Ohland (Jahrgang 1952) hat von 1971 bis 1973 als DJ nahezu jede Nacht in der Diskothek „Oldtimer“ aufgelegt. Größen wie Rasputin, Peter Rubin, Gaby Berger, Bernd Apitz, John Kincade und Gunter Gabriel seien hier aufgetreten. Lord Ulli von den „Lords“ sei ein guter Freund geworden. Jeden Sonntagnachmittag war Tanztee mit Modenschau der Geschäfte Warg und Dettmer-Müller angesagt. Hajo Knoop ließ sich noch mehr einfallen, um das Celler Publikum zu begeistern: Karten für die Hitparade in Berlin wurden verlost, die Fußball-Nationalelf unter Helmut Schön gab Autogramme. Und und und ...