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Alte Fotos erzählen 62: Die Petersburg stand einst in Klein Hehlen
Thema Alte Fotos erzählen 62: Die Petersburg stand einst in Klein Hehlen
18:04 04.04.2014
Von Andreas Babel
Auszug aus dem Saal der Petersburg im Juni 1960. Quelle: Sammlung Peter Heins
Klein Hehlen

KLEIN HEHLEN. Die Petersburg ist nicht etwa nach der Stadt am Baltischen Meer, sondern nach der gastronomischen Großanlage „Peters‘ Burg“ benannt, die ein gleichnamiger Altenceller um 1870 an der Bahnlinie Celle nach Eschede errichtet hatte und die er und nach ihm andere bis 1924 betrieben worden ist. Heute gibt es keine Klein Hehlener mehr, die sich an große Bauernhochzeiten erinnern, die hier unweit ihrer Kirche gefeiert worden sind.

Nach dem Kaffee- und Konzertgarten mit Laubengängen, einer großen überdachten Veranda, einem Musikpavillon und einem großen Saal hat man hier 1897 Celles erste Radrennbahn eröffnet. Etwa um 1880 legte man einen großen Spielplatz, sogar mit einem kleinen Karussell etwa dort an, wo sich heute die Bäckerei Stremmel befindet. Zur selben Zeit kam auch Celles erster öffentlicher Krocket-Parcours hinzu. Ebenfalls auf der anderen Seite der Petersburgstraße wurden 1905 Tennisplätze errichtet und in Betrieb genommen.

Nach dem Ersten Weltkrieg wurden im Saal ein Lazarett und Wohnungen eingerichtet. In den verschiedenen Gebäuden auf dem 13.399 Quadratmeter großen Areal, das 1939 von der Stadt Celle im Zuge einer Zwangsversteigerung für 60.000 Reichsmark erworben worden ist, waren noch bis 1960 Wohnungen untergebracht. Peter Heins (Jahrgang 1945) zog als Fünfjähriger mit seiner Familie in eine der 14 Notwohnungen in den Saal ein und lebte hier bis zum Auszug am 15. Juni 1960. Die Bewohner des Saals hatten damals keinen besonders guten Ruf, was offenbar von einem Mieter herrührte, wegen dessen Alkoholeskapaden und verschiedener Handgreiflichkeiten die Polizei öfter anrückte. Das war auch der Grund, warum der Vater der Auserwählten von Heins strikt gegen diese Verbindung war. Doch Peter Heins ließ nicht locker, stellte sich dem Berufssoldaten vor und bekam den väterlichen Segen.

Der 1951 unterzeichnete Mietvertrag zwischen Anneliese Heins und der Stadt Celle sah einen monatlichen Mietzins in Höhe von 21,05 DM vor. So wenig kostete es, folgende Räumlichkeiten zu bewohnen und zu nutzen: „1 Wohnung Petersburgstraße 81 im Erdgeschoß, bestehend aus: 1 Stube, 2 Kammern, 1 Wohnküche, zugehörig 1 Kelleranteil im Bunker, 1 Abstellraum im Flur, 1 Stall im Nebengebäude.“

Christa Stute, geborene Müller (Jahrgang 1946), ist im Haupthaus, der Petersburg selbst, groß geworden. Zwölf Familien wohnten dort insgesamt. Auf dem langen Flur gab es zwei Toiletten mit Spülung für alle Familien, die auf dieser Ebene lebten. „Ich hatte eine Superkindheit, unbeschwert, konnte im Wald spielen und im Klein Hehlener Bach baden“, erzählt Stute. Im Wohnzimmer ihrer ersten Wohnung konnte man noch die Holzvertäfelung aus Zeiten der Gastwirtschaft erkennen.

Die Versorgung an dieser Stelle war hervorragend: Neben dem Schlachter August Voss im Haus gab es im Waldstück jenseits der Bahnlinie, wo heute die Altglascontainer stehen, den Kaufmannsladen Müller und auf der gegenüberliegenden Seite den Milchladen von Leo Tomaschautzki. In Richtung Klein Hehlen gab es auch schon zu Stutes Kindertagen eine Bäckerei.

Tür an Tür mit der Familie Müller lebte damals Bernhard Helms (Jahrgang 1943). Er weiß noch, dass im so genannten Kaffeegarten zwei weitere Familien lebten. Insgesamt gab es also 28 Wohnungen auf dem Areal. Im Kaffeegarten hatte auch die Tischlerei Piepenhagen ihr Domizil. Die Bewohner des Saals und des Kaffeegartens hatten nur Plumpsklos in einem Nebengebäude. Besonders erinnert er sich an den Luftschutzkeller auf dem Gelände, zu dem 30 Treppenstufen hinunterführten. In dem mindestens 40 Meter langen Bau hatten die Familien nach dem Krieg ihre Kartoffelkeller. „Als Kind hat man geweint oder gesungen, wenn man dort Kartoffeln holen gegangen ist und die Kerze ausgegangen war“, erinnert sich Helms. Der Eingang zum Bunker sei zugeschüttet worden, meint der heutige Wienhäuser. Auch Christa Stute fürchtete sich vor diesen Gängen in den dunklen Bunker.

Der heutige Winser Otto Taxweiler (Jahrgang 1919) kennt die Petersburg aus der Vorkriegszeit. In dieser Zeit sei sie heruntergekommen und eine „Bretterbude“ gewesen.

Gisela Lindemann (Jahrgang 1943) wurde an der Petersburgstraße geboren und musste jeden Tag Anfang der 50-Jahre auf dem Schulweg an der Petersburg vorbei. Die Volksschule war damals dort, wo heute die Jugendherberge ist. „Ich war immer froh, wenn ich dort vorbei war, denn als Mädchen hatte ich wohl Angst vor den ,frechen Jungen‘, die dort wohnten“, berichtet Gisela Lindemann. Beim Schlachter August Voss, der im Erdgeschoss der Petersburg sein Ladengeschäft betrieb, die Kinder manchmal eine Scheibe Jagdwurst bekamen, wenn dort eingekauft wurde. „Eine Freundin erzählte von einem Schild beim Schlachter: ,Schweine- und Kinderschlachtung‘ – beim Buchstaben R war wohl oben der Bogen verloren gegangen, das erzeugte natürlich Ängste bei den Kindern“, weiß die heutige Wathlingerin noch.

Auch Angela Meyer (Jahrgang 1953) kennt als einstige Nachbarin die Petersburg noch aus Kindertagen. Sie empfand das Haupthaus als geradezu „unheimlich, dunkel und gewölbig“. Oben auf dem Berg haben sich Reste alter Gemäuer befunden. Ihr Großvater hat ihr immer gesagt: „Da habt ihr nichts zu suchen!“ Eigentlich sollte sie überhaupt nicht auf dem Gelände spielen. Sie hielt sich aber nicht an diese Weisung.

Den Weg an der Bahnlinie entlang zwischen Petersburgstraße und Bremer Weg gibt es heute noch. „Das war die Allee“, sagt Christa Stute. Auch Volker Schumann (Jahrgang 1945) weiß noch, wie er diesen Weg entlang ging, wenn er seinen Onkel Karl bei Geburtstagen in dessen Wohnung in der Petersburg besuchte. Der große MTV-Turner bezog später andere Wohnungen. „So wie die Petersburg auf der alten Postkarte aussah, so habe ich sie noch in Erinnerung“, sagt der heutige Winser.