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Alte Fotos erzählen 66: Celler Café Kiess war für viele wie ein zweites Wohnzimmer
Thema Alte Fotos erzählen 66: Celler Café Kiess war für viele wie ein zweites Wohnzimmer
14:06 07.05.2015
Von Andreas Babel
Celle Stadt

Seit 89 Jahren haben Generationen von Cellern auf diesen Stühlen gesessen: Nicht nur im Café Kiess sind die Thonet-Stühle seit dem Jahr 1925 im Gebrauch, sondern auch in der Zahnarztpraxis Steinbömer an der Trift 34, und auch im Antiquariat Cellensia gibt es noch einen dieser aus gebogenem Holz hergestellten Stühle. Die Möbel im Café und im Wartezimmer der Zahnarztpraxis stammen aus einer Großbestellung, die der Zahnarzt Justus-Friedrich Steinbömer zusammen mit dem Café-Betreiber Ludwig Kiess in Auftrag gegeben hatte. Aus dem Jahr 1925 stammt auch die Postkarte, die wir am vergangenen Sonnabend gezeigt hatten.

Der Großvater des Antiquars Justus Steinbömer und seines Bruders Martin, der heute die Zahnarztpraxis an der Trift 34 betreibt, war erst 1925 nach Celle gekommen und hatte Wohnung und Praxis direkt neben dem traditionsreichen Kaffeehaus, an der Einmündung der Westcellertorstraße in den Großen Plan. Hier standen die Stühle aber nur zwei Jahre lang in der ersten Etage, ehe der Zahnarzt 1927 an den heutigen Standort umzog. „Es ist noch keiner der Stühle weggeworfen worden“, sagt Justus Steinbömer. Das war also damals offenbar eine solide Wertarbeit, die dort verrichtet worden ist.

Der Vater von Ingrid Meier (Jahrgang 1933), Siegfried Meier (Jahrgang 1894), sei von seinen Freunden „Kiess“ genannt worden. Ihre Mutter habe ihr erklärt, dass dieser Spitzname daher rühre, weil der Vorgängerbetrieb eben „Café Siegfried“ hieß.

Elisabeth Becker (Jahrgang 1939) hat 1958/59 in der Kaffeeküche gearbeitet. Margarete Kiess bezeichnet sie als „hübsche Frau, die immer betont gekleidet war“. Sie sei stets „mit Glacéhandschuhen durch das Café gegangen und hat darauf geachtet, dass alles sauber ist“.

„Sie legte immer viel Wert auf echte Gemälde, echte Teppiche, auf saubere Tischdecken und auch darauf, dass täglich frische Blumen auf den Tischen standen“, sagt Werner Maaß (Jahrgang 1933). Der Bäckermeister arbeitete von 1972 bis 1982 in der Backstube, während seine Frau Marion (Jahrgang 1943) von 1971 bis 1981 an anderer Stelle des Betriebs tätig war. „Wir waren zu meiner Zeit bis zu 40 Beschäftigte dort, einschließlich der Teilzeitkräfte“, sagt Maaß. Brot oder Brötchen hat er nicht hergestellt, wohl aber Teigposten. An erster Stelle fallen ihm dabei die Käse-Mohn-Torten ein, von denen etwa 4000 im Jahr produziert worden sind. „Und Schweineöhrchen sind in der Saison ganz gewaltig gelaufen“, erzählt der Bäcker.

Hans Blum (Jahrgang 1928) war von Februar 1950 bis April 1964 Konditor in der Backstube am Großen Plan. Der gebürtige Niederschlesier war zunächst zwei Jahre lang Nachtschichtleiter bei der NAAFI am Neumarkt, wo er 30 Bäcker unter sich hatte, ehe er zu Kiess wechselte. Dort begann die Arbeitszeit erst um 6 Uhr, meist war um 16 Uhr Feierabend, manchmal auch später – „je nach Bedarf“, sagt Blum.

Er hatte freie Hand, als es darum ging, Anfang der 1950er-Jahre neue Spezialitäten einzuführen. Was lag da näher, als aus der reichen Backstube seiner schlesischen Heimat Anleihen zu nehmen? Blum führte unter anderem Dresdner Christstollen, Baumkuchen, Mohnstollen, Dänische Plunderstückchen und besagte Käse-Mohn-Torte ein. „Unsere Spezialitäten wurden schon damals bis nach Australien verschickt. Celle war durch die Hengstparaden ja international bekannt“, sagt Blum.

Das beliebteste Backerzeugnis, der mit Marmelade gefüllte Berliner, schrieb in Celle eine wahre Erfolgsgeschichte. Die Produktion startete schon am 30. Dezember, um das begehrte Silvester-Pfannküchlein pünktlich und frisch in ausreichender Anzahl für die Neujahrsnacht fertig zu haben. Dabei half eine Füllmaschine. Vor einem Jahreswechsel schaffte das Kiess-Team den Rekord von 12.000 Berlinern. Es gab lange Vorbestellungslisten und an Silvester bildeten sich lange Schlangen am Café.

Reinhard Lüchau (Jahrgang 1940) war in den 1960er-Jahren „mehr für Torten zuständig“. Sein Vater, der Malermeister Georg Lüchau, hat die Stühle des Cafés mehrfach gestrichen sowie die Backstube und den Wohnbereich. Anfang der 1970er-Jahre hieß es, dass der Chef Ludwig Kiess junior in Urlaub fährt. Er kehrte aber nicht mehr zurück. Das Betreiberehepaar trennte sich und Margarete Kiess trat alleine die Nachfolge ihrer Mutter Dora, die vom Personal liebevoll „Dörchen“ genannt wurde, an. Ludwig Kiess war bis dahin für die Büroarbeit zuständig und half als gelernter Konditor auch hin und wieder in der Backstube aus. Lüchau „erbte“ unter anderem einen Schrank von ihm, den ihm die neue alleinige Chefin überließ.

Inge Wenzek (Jahrgang 1936) hat ihre Mutter Ottilie Liedtke, die Stammgast bei Kiess war, häufig begleitet. Ihre Mutter, von Haus aus begütert, kehrte nahezu jeden Vormittag und jeden Nachmittag bei Kiess ein, manches Mal aß sie dort auch eine Hühnersuppe. Wenn sie den Foxterrier ihrer Tochter zur Pflege mit hatte, bekam dieser Hund von Margarete Kiess stets etwas Haut kredenzt. Der Foxterrier freundete sich schon bald mit dem wunderschönen großen Hirtenhund der Chefin an.

Als Inge Wenzek einmal (ihre Mutter war kurz vor ihrem 90. Geburtstag gestorben) am Café Kiess mit ihrem Hund vorbeischlenderte, kam Margarete Kiess aus dem Geschäft und sprach sie an. „Die alte Frau Kiess hatte alles im Kopf. Sie begrüßte mich herzlich und ich war ganz überrascht. Dann sagte sie mir, ich solle mich setzen, sie wolle der Kleinen ein Leckerli bringen. Und die alte Dame brachte Haut und servierte sie dem Hund. So nett war sie zu ihren Kunden. Das ging dort ganz persönlich zu, mit Handschlag und so“, erzählt Inge Wenzek: „Das war wie ein zweites Wohnzimmer für ganz viele alten Damen.“Und seit dieser Verköstigung zog die kleine Foxterrier-Dame in Höhe des Stechinelli-Hauses immer zur Seite, in der Erwartung, dort wieder etwas Leckeres zu bekommen.

Marianne Neuhaus-Kleineke berichtet von einer „legendären Kaffeerunde der Generalstaatsanwaltschaft Celle“. Sie selbst war als junge Staatsanwältin im Jahr 1990/91 „zur Erprobung“ dort. Jeden Morgen setzte sich eine Gruppe Herren und wenige Damen in Marsch zu Café Kiess und ging nach genau festgesetzter Uhrzeit in geschlossener Formation zurück. Man trank in der ersten Etage eine Tasse Kaffee – mehr nicht, nur zu besonderen Anlässen war die Bestellung eines halben Brötchens erlaubt. Auf dem roten Plüschsofa in der Ecke saß immer Generalstaatsanwalt Dr. Manfred Endler mit auserwählten Begleitern. War er verhindert, blieb sein Platz leer. Die Probestaatsanwälte am anderen Ende der Tischrunde lauschten interessiert den Gesprächen und hörten auch manch lustige Anekdote, vor allem wenn Pensionäre wie Dr. Rolf Nolte, Amtsvorgänger von Dr. Endler, zu Besuch kamen.

„Dann, eines Tages: das rote Plüschsofa blieb gänzlich leer! Die ranghöchsten Staatsanwälte: Alle verhindert. Die Gelegenheit war günstig, um herauszufinden, wie es sich anfühlt, auf dem durchgesessenen Plüschsofa zu thronen.Ohne lange zu überlegen und ohne die verbleibende Garde zu fragen, nahm ich den Platz von Dr. Endler ein. War das gewagt, war das schlimm? Offenbar nein, denn aus der verdutzten Runde erscholl nur der Satz: ,Heute ist wohl Ball Paradox.‘“, erzählt Neuhaus-Kleineke, die heute in der Zweigstelle Celle der Staatsanwaltschaft Lüneburg arbeitet.

Bei einem kürzlichen Besuch des Kaffeehauses hat die Juristin festgestellt, dass das rote Sofa nicht mehr an der alten Stelle steht. Am Tisch neben ihr besprach eine Gruppe Rentner „auf hohem Niveau ihre Sorgen“. Am Nebentisch gab „die freundliche Servierdame“ Tipps für Touristen aus Asien und sie war auch bereit, meinen Sonderwunsch weiterzugeben, der dann prompt erfüllt wurde: „Café Kiess ist schon etwas Besonderes“, meint die Cellerin.

Barbara Rabe (Jahrgang 1949) weiß, dass sich noch heute dort die Staatsanwälte in trauter Runde um 10.30 Uhr treffen. „In siebter oder achter Generation“, ergänzt Barbara Rabe, deren Vater den Stammtisch gleich nach dem Krieg im Café Kiess wiederbelebte. „Meine Kinder haben dort das Laufen gelernt“, sagt Rabe. Das war aber eher Zufall, dass die 1980 und 1981 geborenen Rabe-Sprösslinge ausgerechnet in diesem Café die ersten Schritte machten. Barbara Rabe erinnert sich noch an den „legendären“ Kellner Jean-Claude Rabé, einen Hugenotten. Außerdem machten für sie die langjährigen Mitarbeiter „den Charme des Hauses“ aus.

Bärbel Hahn (Jahrgang 1934) erinnert sich noch an den Firmenchef Ludwig Kiess senior. „Das war bestimmt kein Celler, denn mein Vater, der aus der Pfalz stammte, konnte ihn gut verstehen und übersetzte mir, was Herr Kiess sagte“, erzählt Bärbel Hahn. Ihr Vater Ludwig Fuhrmann war Anzeigenvertreter für die CZ und es war etwa im Jahr 1938, als die kleine Bärbel, die ihren Vater bei dessen Vertreter-Besuchen begleitete, hingefallen war. „Da kam der alte Herr Kiess in seinem weißen Bäcker-Oberteil und in seiner karierten Hose aus der Backstube hinter den Tresen und sagte zu mir: ,Na, biste aufm Näsli gelaufe?‘ Er war so freundlich und nett“, hat die Cellerin in Erinnerung. Sie trifft sich dort noch heute mit ihrer Abschlussklasse der Mittelschule: Alle 14 Tage sitzen die Damen beim Frühstück beisammen und nächstes Mal wird das Café Kiess selbst wohl genügend Gesprächstoff liefern.