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Alte Fotos erzählen 67: Früher ging es in Altenhagen ruhiger zu
Thema Alte Fotos erzählen 67: Früher ging es in Altenhagen ruhiger zu
03:34 07.08.2018
Von Andreas Babel
straßenkreuzung in altenhagen, die gaststätte links oben von der krezung ist heute die große mauer, links oberhalb der kreuzung ist heute lochte, rechts unterhalb immer noch freies feld mit einem schuppen, rechts oberhalb der kreuzung große tanke Quelle: Stadtarchiv Celle
Altenhagen

Wo heute eine große Tankstelle Autofahrern, die von Celle in Richtung Uelzen aufbrechen, Benzin bietet, hatte einst der Schmied Friedrich Hager seine Werkstatt. Er hat seine Ausbildung in Eschede bei Schmiedemeister Fritz Alps gemacht, sagt Hans Stöckmann (Jahrgang 1939). Der Escheder weiß, dass das Gebäude hinter der damaligen Gaststätte (jetzt: „Große Mauer“) der Stellmacherei Schindler gehörte. „Stellmacher und Schmied haben oft miteinander gearbeitet, da die Räder der Ackerwagen eisenbereift waren und daher sind diese beiden Berufe damals in vielen Ortschaften vorzufinden gewesen“, erläutert Stöckmann. Sein Vater und sein Großvater hatten eine Stellmacherei in Eschede. Für die jüngeren Jahrgänge sei gesagt: Stellmacher fertigen Räder an. Gerda Stendel (Jahrgang 1934) weiß, dass die Tankstelle mit dem Tode von Hagers Frau im Jahr 1964 aufgegeben wurde, wenig später setzte sich der Schmied zur Ruhe.

Ein Luftbild aus der ersten Hälfte der 1950er Jahre, das diesen Bereich zeigt, hatten wir am Sonnabend in der CZ veröffentlicht. Heute hat sich die Kreuzung auf zwei Ecken erheblich verändert, auf Seiten der um 1900 erbauten Gaststätte und schräg gegenüber indes wenig: Hier dominieren Felder das Bild.

„Was links wie eine Verkehrsinsel aussieht, war die Wendeschleife und Endstation für den Linienbus der Celler Straßenbahn. Heute befindet sich dort das Gartencenter Lochte. Unten links auf dem Bild sieht man einen kleinen Teil der Gärtnerei und Baumschule meines Vater Fritz Peters (Rosen-Peters), die sich südlich bis zum Altenhäger Kirchweg erstreckte“, sagt Klaus Peters (Jahrgang 1945).Heute sind dort Versuchsfelder der Bundesforschungsanstalt.

Als Kind war Peters fast täglich in der Baumschule. „Es war hier wie auf einem Abenteuerspielplatz“, beschreibt er diese Gegend. Er kletterte auf große Bäume, baute sich Buden, beobachtete Tiere, schaute den Gärtnern bei der Arbeit zu und es gab jede Menge zu naschen an Obst und Gemüse: Äpfel, Birnen, Kirschen, Erdbeeren, Stachelbeeren, Mohrrüben und Radieschen und so weiter. „Für die Herstellung von landwirtschaftlichen Geräten oder deren Reparatur war ja die Schmiede gleich nebenan. Ich bin dann mitgegangen und habe dort oft beobachtet, wie Ackerpferde mit neuen Hufeisen beschlagen wurden“, erzählt Peters.

Nach der Arbeit hat sein Vater in der Gaststätte sein Feierabendbier getrunken und sein Filius bekam eine Limo. Als dann in den 1950er Jahre das Fernsehen aufkam, gab es in dieser Gaststätte einen der ersten Fernseher in Celle. „Wir konnten hier am Sonntagnachmittag Abenteuerfilme schauen und dazu gab es eine Cola“, erinnert sich der Celler. 1953 soll hier schon der erste Fernseher in Betrieb genommen worden sein. „Wenn besondere Sendungen liefen, haben sich interessierte Dorfbewohner in der Gaststätte getroffen, um diese zusammen anzuschauen“, sagt Gerda Stendel.

Wolfgang Voß (Jahrgang 1945) lernte diese Ecke erst später kennen, als er von 1962 bis 1965 beim Altenhäger Landhändler Max Tessmann eine Lehre zum Großhandelskaufmann absolvierte. Er suchte die von Pächter Karl Peters betriebene Gaststätte stets während seiner Mittagspause auf, um sich zwei Cola zu bestellen. „Dazu habe ich mein mitgebrachtes Brot gegessen. Das war damals so üblich in Gaststätten, dass man das durfte. Heute ist so etwas ja unvorstellbar. Das waren noch Zeiten!“, sagt Voß. Den Landhandel von Tessmann, der in Altenhagen eigentlich nur sein Büro hatte, hat später seiner Erinnerung nach der Landhandel Otte aus Eversen übernommen.

Michael Schindler (Jahrgang 1972) lebt noch heute auf dem etwa 4000 Quadratmeter großen Grund, den sein Großvater Kurt Schindler 1948 vom Bauern Laue erworben hat. Sein Vater Joachim Schindler (Jahrgang 1947) und seine Tante Annemarie Kühn (Jahrgang 1939) sind hier neben der Gaststätte aufgewachsen.

Kurt Schindler (1907 bis 2001) kam nach dem Krieg mit seiner Frau Dora, die 99-jährig erst im vergangenen Jahr verstorben ist, aus Sachsen nach Celle. „Mein Vater kannte den Schmied Hager und durch ihn kam er nach Altenhagen“, weiß Joachim Schindler. kurt Schindler baute sich 1948 das Wohnhaus, in dem Enkel Michael mit seiner Familie nach einer 2008 begonnenen Sanierung seit drei Jahren lebt, sowie die lang gestreckte Werkstatt daneben. Diese zierte noch bis Ende der 1950er Jahre ein Schild mit der Aufschrift „Karosseriebau und Stellmacherei“. Dann machte sein Rücken nicht mehr mit und er gab dieses Geschäft auf.

Auf dem alten Luftbild ist ein Zirkuswagen gut zu erkennen. „Mein Vater hat mindestens zwei Wagen für den Zirkus Ploetz-Althoff gebaut. Das muss einer davon gewesen sein. Er hat auch einen Campingwagen für einen Wahrsager angefertigt“, sagt Joachim Schindler. Die berühmte Zirkus-Familie Althoff hatte übrigens auch eine Celler Linie, die aber nur zwei reisende Unternehmen hervorbrachte, von denen das jüngere, um 1900 herum gegründete, 1950 mit dem Tod von August Althoff seinen Betrieb einstellte. Der Zirkus Plötz-Althoff gehörte der Osnabrücker Linie an und wurde von Friederike Althoff und ihrem Ehemann Karl Plötz 1947 gegründet. Kurt Schindler baute übrigens auch Aufbauten für Viehtransporter.

Die Gaststätte hat die Familie Schindler stets verpachtet. „Ganz früher war es die Bahnhofsgaststätte“, weiß Annemarie Kühn. Seit den 1950er Jahren war sie unter dem Namen „Zum Reiherpfahl“ bekannt – benannt nach dem nahe gelegenen Reiherpfahl. Hannelore und Karl Peters waren in den 1950er und 1960er Jahren viele Jahre Pächter, Dagmar und Ingolf Grothe von 1969 bis 1981. Seit Ende 2002 gibt es in der heute „Große Mauer“ heißenden Gaststätte chinesische Spezialitäten. Der Kaffeegarten war früher nicht besonders groß. Er bestand nur aus drei oder vier Tischen, die auf sandigem Boden unter den alten Bäumen standen, wo heute ein gepflasterter Parkplatz für die Autos der Gäste eingerichtet ist. „Irgendwann kam hinter der Gaststätte auch ein kleiner Saalbetrieb hinzu“, weiß Joachim Schindler.

Durch die Bundesstraße sind die Gaststätte und das Wohnhaus vom übrigen Dorf ziemlich abgeschnitten. Eine Ampel hat man aber erst in den 1980er Jahren errichtet. Bis dahin war es sehr gefährlich, die seit 50 Jahren stark befahrene Strecke zu überqueren. Das hat Michael Schindler vor etwa 35 Jahren am eigenen Leib erfahren. Als er eines Tages von der Schule heim kam, erfasste ihn ein Auto und er brach sich ein Bein. Fortan meldete er sich immer beim Tankstellenbetreiber Peter Susseck, der den Schuljungen stets wohlbehalten auf die andere Straßenseite brachte.

Gudrun Bergjohann (Jahrgang 1950) ist in Altenhagen aufgewachsen. Ihr Mann Rolf hat als Maurer einen geschulten Blick für Luftaufnahmen von Siedlungsgebieten. Er hat das Elternhaus seiner 1969 Angetrauten erkannt und ihr erläutert, welche Gebäude auf der historischen Luftaufnahme zu erkennen sind. Das Haus hat ihr schon verstorbener Vater Karl Röttjer schon vor dem Krieg gebaut, ihre Mutter Emmi Röttjer (89) lebte bis vor drei Jahren in den eigenen vier Wänden. Vor das Elternhaus hat sich das Ehepaar Bergjohann 1984 auf dem rund 1700 Quadratmeter großen Grundstück einen Bungalow gebaut, in dem es wohnt.

„Es ist sehr schön hier in Altenhagen und sehr zentral. Man ist ratzfatz zu Fuß oder mit dem Rad in der Stadt“, betont Gudrun Bergjohann die Vorteile des Lebens in ihrem Heimatort. Als störend empfindet sie nur die hohe Verkehrsbelastung der Lachtehäuser Straße durch Lkw und Pkw. In den 1950er Jahren sei die Bundesstraße 191 noch sehr wenig befahren gewesen. „Da war kaum was los. Wir sind barfuß darüber gelaufen, aber in einem Sommer durften wir das nicht, weil der Teer durch die Hitze sehr aufgeweicht war“, erzählt die Altenhägerin. Auf der Lachtehäuser Straße habe man früher Völkerball spielen können, weil dort kaum Verkehr war.