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Alte Fotos erzählen 72: Von der Celler Volksschule zur Berufsfachschule
Thema Alte Fotos erzählen 72: Von der Celler Volksschule zur Berufsfachschule
13:32 07.05.2015
Von Andreas Babel
Eine Aufnahme von 1905 und ihr heutiges Pendant (oben): Die alte Schule ist dunkel in der Mitte zu erkennen, die damalige „Schloss-Apotheke“ ganz rechts ist das Eckhaus zur „Breiten Straße“ hin. Der Blick über die Bahnhofstraße fällt in Richtung der - Celler Innenstadt. Nur das Eckhaus hat sein Aussehen behalten, die beiden anschließenden Häuser haben neue Fassaden erhalten. Quelle: Sammlung Arnold Linke
Celle-Neuenhäusen

NEUENHÄUSEN. Rätsel gab das alte Bild, dass wir am vergangenen Sonnabend in der CZ veröffentlicht hatten, den meisten unserer Leser auf. Der Grund dafür: Der stolze Giebel des 1890 als „Volksschule III“ errichteten Backsteingebäudes ist bei einem Anbau 1936 bis 1937 verschwunden. So können ihn die meisten unserer Leser nicht mehr mit eigenen Augen gesehen haben. Die Triftschule war nach der Volksschule II (Hehlentor, 1872), der Volksschule IV (Neustadt und Altenhäusen, 1885 bis 1887) und der Volksschule I (Blumlage, 1888) die vierte Volksschule, die damals in den Celler Vorstädten angelegt worden ist, damit die Kinder ihre Grundbildung erhalten. Alle vier Bildungseinrichtungen sind heute noch Lehrstätten.

Nachdem 1928 die Altstädter Schule an der Sägemühlenstraße gebaut worden war, weihte man am 1. Dezember desselben Jahres nach einem Um- und Ausbau das neue Domizil der Berufs- und Handelsschule ein. Im Jahr drauf verzeichneten die Behörden die Schnapszahl von 888 Schülern in dieser Lehranstalt.

Die Schülerzahl stieg immer mehr, so dass 1935 zunächst zwei Baracken errichtet worden sind, ehe der Erweiterungsbau Gestalt annahm, in dessen Zuge vor das alte Gebäude Nummer 9 eine neue Fassade gesetzt worden ist. Während des Krieges wurde die Schule teilweise als Lazarett genutzt, nach dem Krieg auch als Lazarett für Überlebende des KZ Bergen-Belsen. 1959 wurde erneut angebaut, der heutige Ostflügel entstand. Und schließlich gab es in den 1990er Jahren den letzten großen Anbau für die „Berufsbildenden Schulen III“, wie die Lehranstalt seit 1979 heißt.

Ernst Bauerochse (Jahrgang 1925) hätte die „Städtische Berufsfachschule Celle“ eigentlich von Ostern 1940 bis Ostern 1943 besuchen sollen. „Aus Vorsicht haben die Sparkasse und die Schule mich aber die Prüfung bereits im Herbst 1942 machen lassen“, erzählt Bauerochse. Dann ging es zum Arbeitsdienst und schließlich zum Militär in den Krieg. Der Hermannsburger hatte zuvor die Schule nur bis zur neunten Klasse besucht. „Meine Eltern haben mich aus finanziellen Gründen aus der Schule genommen“, berichtet der 89-Jährige.

Er begann eine Lehre bei der Kreissparkasse Celle, deren erstes Jahr er in Hermannsburg absolvierte. Das zweite Lehrjahr verbrachte er in Celle und das dritte in der Escheder Filiale. Parallel dazu besuchte er an einem Wochentag, den er heute nicht mehr weiß, eben jene Berufsfachschule an der Bahnhofstraße. An den Giebel der einstigen Volksschule erinnert sich Bauerochse nicht, obwohl er Celle auch als Kind hin und wieder besucht hat. Ihm steht aber noch ein Lehrer vorm geistigen Auge, der sein Zeugnisheft unterzeichnete und den Bauerochse als „kompakten Mann“ beschreibt, der ihn unter anderem in „Reichskunde“ unterrichtete. Wie in vielen Fällen hatte er dort ein „Sehr gut“. Natürlich sei der Unterricht „etwas braun angehaucht“ gewesen. „Bevor es an die großen Katastrophen im Krieg ging, war man politisch ja recht optimistisch. Ich kann mich daran erinnern, dass ich eine Europa-Karte angefertigt habe, auf der ich Verteidigungslinien eingezeichnet hatte“, erzählt Bauerochse.

Nach seiner Sparkassenlehre und der Rekrutenzeit wurde der Hermannsburger ganz zum Ende des Krieges noch junger Offizier. „Erst im Offizier-Gefangenenlager hörte ich zum ersten Mal von diesen furchtbaren Sachen, die im Konzentrationslager Bergen-Belsen geschehen waren“, sagt Bauerochse. Anfang des Jahres 1944 hielt er sich ein halbes Jahr lang in der Kaserne Bergen-Belsen zu einer Offiziersausbildung auf. „Ich hatte dort auch einmal Einblick in das Lager, das ja noch ein Austauschlager war und nicht mit den Verhältnissen von Ende 1944 zu vergleichen war. Von den schrecklichen Dingen, die im Osten geschehen sind – wie in Auschwitz – hatte ich noch nie etwas gehört. Unter dem Eindruck dieser Dinge beschloss ich, nicht wieder an den Sparkassen-Schreibtisch zurückzukehren, sondern habe mich dem geistlichen Bereich zugewandt“, sagt er.

Bauerochse wurde Missionar, arbeitete Jahrzehnte lang in Äthiopien. Dort merkte er bald, dass er sein Rüstzeug nicht umsonst erworben hatte. Gleich zu Beginn seiner Aussendung hatte er als so genannter Feldleiter die Aufgabe, neben der missionarischen Arbeit die Buchführung zu betreuen. Als in Addis Abeba eine Synode gegründet wurde, baute Bauerochse die entsprechende Finanzverwaltung auf und wurde Schatzmeister. Als um 1967 herum ein Radiosender in Afrika ins Leben gerufen wurde und man an seiner Mitarbeit interessiert war, hatte er auch dort schon bald wieder die Finanzen unter seiner Obhut.

Ihren an Tbc erkrankten Vater Hermann Neumann sah die frühere Eversenerin Erika Niebuhr (Jahrgang 1940) im Treppenhaus der Berufsschule zum letzten Mal. Sie erinnert sich, wie sie als Achtjährige wegen der Ansteckungsgefahr ihren Vater nur im Treppenhaus sehen durfte. Die Schule war noch 1948 zum Teil als Krankenstation genutzt worden. Es blieb bei dem einmaligen Krankenbesuch: Die kleine Erika stand mit ihrer Mutter im Erdgeschoss am Treppengeländer und der Vater sprach mit ihnen vom ersten Stock aus. Wenig später wurde ihr Vater in ein Hilfslazarett nach Unterlüß verlegt, wo er an den Folgen seiner Erkrankung verstarb. „Hin und wieder denke ich daran, wenn ich an der Schule vorbei gehe“, sagt Erika Niebuhr. Das Treppenhaus hat sie nicht wieder sehen wollen.

Arnold Linke (Jahrgang 1930) weiß, dass in dem früheren Haus Bahnhofstraße 9 Ende der 1920er Jahre die vorherigen städtischen Schulzweige „Gewerbe- Handels-und Berufsschule“ zusammengeschlossen worden sind. Selbst 1946 dort eingeschult, wurde er als Tiefbau-Zeichnerlehrling „zwangsweise“ der Klasse der auszubildenden Vermessungstechniker zugeordnet, weil es seinerzeit von der Handwerkskammer noch keine Ausbildungsordnungen für Bauchzeichner im Tiefbau gab. „Doch habe ich diese Zeit für einem Fremdberuf so gut bewältigt, dass ich eine weitere angehängte Ausbildung als Vermessungstechniker bei dem in Celle sehr bekannten Landvermesser Klatt nach nur zwei Jahren abschließen konnte“, sagt Linke.

In der Schule saßen die Schüler damals auf den alten Holzbänken aus der „Urzeit“, bewältigten schwierige Koordinaten- und Polygonzugberechnungen, erst über Gaußsche-Logarithmen, später über spezielle Brunsviga-Doppel-Rechenmaschinen. Für Klassenraumwärme im Winter sorgte der Hausmeister über einen Stubenofen.

„Happy“ waren die Berufsschüler in der Pause, wenn der Hausmeister mit einer großen Tüte erschien „und daraus uns Schülern eine Handvoll Nüsse aus einer amerikanischen Care-Spende weiterreichte.Zucht und Ordnung im Verhalten an der Schule waren uns streng aufgegeben“, erzählt Linke.

Ein weiterer Erweiterungs- und Umbau der Berufsschule an der Bahnhofstraße wurde Ende der 1950er Jahre durch die Firma Thiele-Marahrens aus Westercelle durchgeführt. „Da ich zu der Zeit bei der Firma eine Lehre absolvierte, habe ich am Erweiterungsbau aktiv mitgewirkt“, sagt Günther Wede (Jahrgang 1941). Damals gab es noch keinen Fertigbeton – hinter dem Gebäude war eine Mischanlage für die verschiedenen Kieskörnungen und den in Säcken abgefüllten Zement aufgebaut. Wenn betoniert wurde, war manchmal erst spät am Abend Feierabend. „Eine Knochenarbeit“, sagt Wede. Den Kran bediente zu der Zeit ein Sohn des Firmeninhabers Helmut Thiele.

Ebenfalls bei diesem Erweiterungsbau hat der damalige Auszubildende Volker Babel (Jahrgang 1941) mitgewirkt. Der heutige Winser erinnert sich daran, dass der Beton durch spezielle Metallrohre in die Höhe gepumpt wurde. Dabei haben die Aggregate „ein Mordsgeheul“ verbreitet. Dieses Verfahren habe sich damals nicht durchgesetzt, wohl auch, weil die Metallrohre schwer zu bewegen und zu handhaben waren, erläutert der spätere Diplomingenieur.