Menü
Cellesche Zeitung | Ihre Zeitung aus Celle
Alte Fotos erzählen 74: Hier war das Celler Gymnasium Ernestinum von 1914 bis 1978 zu Hause
Thema Alte Fotos erzählen 74: Hier war das Celler Gymnasium Ernestinum von 1914 bis 1978 zu Hause
13:20 07.05.2015
Von Andreas Babel
Postkarten von Herren Linke Quelle: Benjamin Westhoff
Celle Stadt

Vor genau 100 Jahren wurde ein ehrwürdiges Schulgebäude an der Magnus­straße in Betrieb genommen, in dem zunächst das Gymnasium Ernestinum untergebracht war, das damals noch „Staatliches Gymnasium“ hieß. Bereits seit 1978 wird das Gebäude vom Kaiserin-Auguste-Viktoria-Gymnasium als weiterer Standort genutzt. Den Schriftzug „Gymnasium Ernestinum“ trägt das alte Gemäuer aber noch immer über dem Eingang, der zum „Kulturraum“ Beckmannsaal führt. Auch das Konterfei von Ernst dem Bekenner schmückt diese Front, die man von der Magnusstraße sehen kann, noch heute.

„Die Architektur steht beispielhaft für die Reformbaukunst vor dem 1. Weltkrieg. Charakteristisch sind eine Vereinfachung der Formen und eine Ausrichtung der Raumdispositionen nach funktionalen Gesichtspunkten“, heißt es auf dem von der Bürgerstiftung Celle angebrachten Schild zur „Architekturmeile“.

Ingeborg Vormann, geborene Jessen (1910 bis 2002) hat in ihren Lebenserinnerungen aufgeschrieben, wie es zu dem Namen des Gymnasiums kam: Ihr Sohn Ingo Vormann stellte der CZ die kurzen Kapitel unter den Überschriften „600 jähriges Jubiläum meiner Schule, das vom 28. bis 30.09.1928 gefeiert wurde“ sowie „Ende meiner Schulzeit 1931“ zur Verfügung. „Eine große Überraschung für uns alle sollte es geben. Unser rühriger Deutschlehrer, der auch durch die ganze Oberstufe unser Klassenlehrer war, Dr. Alpers, fand, das Ereignis einer 600-Jahrfeier sei ein guter Anlaß, dem altehrwürdigen Gymnasium einen Namen zu geben, wie es in anderen alten Städten mit Tradition längst Brauch ist. (...) Als er eines Tages über die Stechbahn ging, wo damals noch das Standbild Herzog Ernst des Bekenners stand, kam ihm die Idee wie ein Blitz: ,Ernestinum‘ sollte die Schule heißen! Hatte Ernst der Bekenner sich doch durch die frühe Einführung der Reformation in unseren Landen große Verdienste erworben und die alte Kalandschule 1604 neu erbaut“, schrieb Ingeborg Vormann.

Sie erinnerte sich auch noch an ihre Abiturfeier. Schon 1931 war es Brauch, dass die Abiturienten einen Umzug durchführten. Die Unterprima hatte jedes Jahr die Aufgabe, eine Kutsche vom Landgestüt, einen Landauer, zu besorgen, mit der die Abiturienten „unter Absingen fröhlicher Lieder durch die Altstadt“ fuhren. Zu Ehren des Tages trugen die Absolventen statt der üblichen Schülermütze einen „Türkenfez“, rot mit Silberstreifen am unteren Rand und einer schwarzen Troddel. Diesen Fez trug man bis zum Tag der offiziellen Entlassung. „Alkohol gab es nicht auf dieser Stadtrundfahrt, dafür aber abends bei der Abi-Kneipe, an der auch einige Lehrer teilnahmen“, schrieb Ingeborg Vormann.

K. August Otto Werner Fuhrberg (Jahrgang 1932) ist 1942 auf das Ernestinum gekommen und erinnert sich vor allem noch genau an die Kriegsjahre. Wenn es während der Schulzeit von 8 bis 13 Uhr Alarm gab, mussten die Schüler in den Luftschutzraum des Gymnasiums. 1943 oder 1944 wurde das Gebäude zu einem Lazarett umfunktioniert und die Kinder wurden teilweise im heutigen Stadtbibliotheks-Gebäude unterrichtet, in dem sich die Lateinschule bis 1914 befunden hatte. In den Jahren 1943 und 1944 wurden die Schüler bei Alarm nach Hause geschickt.

Fuhrberg weiß noch, wie ein Mitschüler einen Klassenkameraden, der vor einem kleinen, zur Magnusstraße hin gelegenen Fenster stand, mit einem Tafelschwamm treffen wollte. Er verfehlte ihn, nicht aber die 20 mal 20 Zentimeter große Scheibe, die komplett samt dem Schwamm herunterfiel. „Er hat dann den Schwamm wieder reingeholt und ein Lehrer hat später ein Stück Pappe mitgebracht und das kleine Fenster notdürftig damit zugenagelt“, sagt Fuhrberg, der von seinem damaligen Mathelehrer immer „Faßberg“ genannt wurde.

„Während der Nazizeit hatten wir mittwochs und samstags keine Schularbeiten aufbekommen, weil wir für Führer, Volk und Vaterland Dienst machen mussten“, sagt der Celler, der die zehn Fähnlein der Stadt noch den Stadtteilen zuordnen kann. „Wir trafen uns in der Volksschule Klein Hehlen, die heute die Jugendherberge ist. In dem Eichenwald schräg gegenüber haben wir den Führergruß und all so einen Käse geübt“, sagt Fuhrberg.

„Als die Ressourcen verbraucht waren, mussten wir Schulkinder Knochen, Eisen, Papier und Lumpen sammeln. Das mussten wir zu Tischbein an der heutigen Biermannstraße, die früher Wittinger Straße hieß, bringen. pro Kilo gab es Punkte. Schüler, welche die Vorgaben nicht erreicht haben, wurden vom Lehrer gerügt. Es soll auch mal auf Noten Auswirkungen gehabt haben“, hat Fuhrberg gehört.

Nach dem Krieg gab es Ernteeinsätze für die Gymnasiasten unter anderem bei Alvern und Bennebostel. Bei Alvern mussten sie Kartoffelkäfer und deren Larven von den Blättern der Pflanzen entfernen. Von Bennebostel musste er zu Fuß nach Hause in die Nähe des Torplatzes zurückwandern.

Der heute bereits emeritierte Professor für Klinische Neurologie Lüder Deecke (Abiturjahrgang 1958) schreibt aus Wien: „Wenn man im alten Ernestinum in die Oberstufe kam, brauchte man nicht mehr in der Pause auf den Schulhof zu gehen, sondern durfte in den Französischen Garten. Dieses Privileg war schön, hat aber auch dazu verleitet, in der Oberstufe, in der man dann ja mit Sie angeredet wurde, mit dem Rauchen zu beginnen. Aber darüber dachte man damals noch anders. An einem kalten Wintermorgen war der große runde Teich mit einer dünnen Eisschicht überzogen, die man kaum sah, und auch die einfallenden Enten fielen darauf rein. Sie kamen im Landeanflug, um mit gespreizten Füßen wie gewohnt auf dem Wasser zu landen und ehe sie sich versahen, schlidderten sie über den halben Teich. Wir standen da und konnten uns vor Schadenfreude kaum beherrschen. Es war aber auch zu putzig. Es kam keine Ente zu Schaden, aber wir Obersekundaner schütteten uns aus vor Lachen angesichts dieser spontanen unfreiwilligen Zirkusnummer der Natur.“

Wolfgang Lüecke (Jahrgang 1943), der 1957 vom Johanneum Lüneburg zum Celler Ernestinum wechselte, erinnert sich: „In dem Gebäude habe ich am 16. Februar 1962, dem Tag der Flutkatastrophe in Hamburg, mein Abitur in diesem altsprachlichen Gymnasium abgelegt. Es gab nur männliche Schüler, erst in unseren letzten zwei Oberstufen-Jahren tauchten die ersten weiblichen Schüler auf. Im Johanneum ging es wesentlich schärfer und besser zu. Im Ernestinum habe ich mich im Lateinunterricht zunächst gelangweilt, aber man passt sich ja schnell an“, sagt Lüecke.

Der heutige Hambührener lebte damals in Wietze und musste mit der „Bimmelbahn“ über Südwinsen nach Celle anreisen. „Einmal war sogar eine Dampflok vor den roten Wagen“, erinnert er sich. Dadurch dass sehr viele Fahrschüler am Ernestinum waren, sei der Zusammenhalt nicht so groß gewesen, meint Lüecke.

Jürgen Handloegten, der ebenfalls 1962 sein Abitur am Ernestinum bestand, ist folgende Episode in Erinnerung geblieben: An einem Sommertag standen die Fenster des Klassenraums wegen der Wärme sperrangelweit offen. Der unterrichtende Lehrer war dafür bekannt beziehungsweise berüchtigt, dass er, wenn sein Ärger über unaufmerksame oder schwatzhafte Schüler zu groß wurde, die gesamte Klasse minutenlang laut und barsch zur Ordnung rief. Seine Ankündigung, dass es wieder einmal soweit war, lautete an besagtem Tag: „Reinke, machen Sie die Fenster zu, ich will brüllen!“