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Celle blüht auf Blütenpracht auf Ackerland
Thema Celle blüht auf Blütenpracht auf Ackerland
Celle blüht auf
14:33 16.11.2018
Quelle: Silas Stein
Celle

Die einstige Schönheit lässt sich nur noch erahnen – stolz und hochgewachsen ragen sie empor aus der Mitte eines Pflanzenmeers, doch die gelbe Blütenpracht ist welkem Braun gewichen. „Das war das Hingucken wert – wunderschön“, gerät Landwirt Hendrik Baars fast ein bisschen ins Schwärmen, wenn er von seinen Sonnenblumen berichtet. Die gelben Riesen kamen mit der Hitze am besten zurecht, was sie zu den längsten Boten des Sommers werden ließ. Doch nun sind auch sie dem Herbst gewichen und entlocken gleichsam ihren sonst so nüchtern und kalkuliert agierenden Besitzern ungewohnt sanfte Töne.

Freiwilliger Einsatz für die Umwelt

„Die Vögel holen sich die Samen von den Blumen“, sagt Ludwig Schulze, während eine kleine Schar über dem herbstlich gefärbten Acker kreist. „Mir fällt auf, das ist hier auch ein Rückzugsgebiet für Wild.“ Der Landwirt aus Sülze hat alles, was sich auf seinen drei Blühfeldern die vergangenen Monate über getan hat, sehr genau beobachtet. Vier Hektar Land hat er im Rahmen der von der Europäischen Union aufgelegten Agrarumweltförderung in blühende Meere verwandelt. Weder Düngemittel noch Pflanzenschutz kamen zum Einsatz.

Mehr Blühflächen

Agrarumweltmaßnahmen sind freiwillig, die Bauern verpflichten sich über einen Zeitraum von fünf Jahren, umweltgerechte und den natürlichen Lebensraum schützende Produktionsverfahren einzuhalten. Im Gegenzug erhalten sie finanzielle Förderung. Die Gestaltung des Programms liegt bei den Mitgliedsstaaten, in Deutschland legt jedes Bundesland sein eigenes Agrarumweltpaket auf. Im Landkreis Celle verzeichnet das „Landvolk“ einen deutlichen Anstieg von Acker-Blühflächen. Innerhalb von fünf Jahren erhöhte sich der Wert von 88 Hektar im Jahr 2012 auf 454 Hektar im Jahr 2017.

Mischung muss passen

„Diese Mischung war klug zusammengestellt, über die gesamte Vegetationsperiode war etwas für Insekten dabei“, zeigt sich Ludwig Schulze mit dem Ergebnis seiner ersten Teilnahme sehr zufrieden. Auf dem gegenüberliegenden Acker leuchtet es noch gelb und weiß. „Das muss ich machen, das ist Greening“, kommentiert er die Zwischenfrüchte Senf und Ölrettich und verweist für Detailinformationen an seinen Landberater Carsten Lübbe.

BÜROKRATISCHES DICKICHT UND GREENING

„Ja, das ist ein Dickicht“, bestätigt dieser den Eindruck einer überaus großen Anzahl von Verordnungen, Auflagen und Bestimmungen. Um dieses mit dem Ziel einer erfolgreichen Beantragung von Fördermitteln zu durchdringen, stehen neben Beratungsringen auf Vereinsbasis die Landwirtschaftskammer sowie das „Landvolk“ als Standesvertretung zur Verfügung. „Die Vorgaben sind komplex, das kann ich nur zweimal unterschreiben. Und mit jeder Reform wird es komplizierter“, stimmt auch Hans-Heinrich Hemme vom „Landvolk“ in den Tenor eines Bürokratiedschungels.

Hilfe im EU-Dschungel

Manche Landwirte kämpfen sich alleine durch, viele holen sich Hilfe bei Mitarbeitern von Beratungsringen wie Carsten Lübbe: „Wenn man deutlicher auf die Erfordernisse der Praxis einginge, könnte man auf einen Schlag mehr Flächen für die Umwelt generieren“, sagt der Experte und zielt ab auf die vorgegebenen Aussaattermine für die Blühmischungen sowie die zu lange Laufzeit der Verpflichtung zu Agrarumweltmaßnahmen, die flexibles Agieren nicht zulasse. Dass der von Seiten der Politik bestimmte Aussaattermin mit dem 1. bzw. 15. April zu früh angesetzt ist – darüber herrscht unter Landwirten Konsens. „Das geht mit der Natur nicht zusammen. Dann kann ich noch nicht drillen“, sagt Hendrik Baars aus Langlingen. Sinnvoller wäre eine Erweiterung auf den 15. Mai. Dann sind die Bestellarbeiten in der Regel abgeschlossen.

Greening - aber richtig

Im Januar 2015 wurde von der EU das sogenannte Greening eingeführt. Dieses ist verpflichtend und schreibt vor, dass jeder landwirtschaftliche Betrieb ab einer Größe von 15 Hektar fünf Prozent seines Ackerlandes als ökologische Vorrangfläche (ÖVF) bereitstellen muss. „Um die Greening-Auflagen zu erfüllen, sind Brachen und Zwischenfrüchte, also Pflanzen, die zwischen zwei Hauptkulturen angebaut werden und den Boden vor Wasser- und Winderosion schützen, die meist genutzten Mittel“, erläutert Carsten Lübbe. Nur wer den Anforderungen nachkommt, erhält Fördermittel in Form von Direktzahlungen im Rahmen der seit 1962 bestehenden Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) der EU. Durchschnittlich machen diese Zahlungen rund 40 Prozent des Einkommens der Betriebe aus. „Blühflächen werden fürs Greening kaum genutzt, die sind zu teuer in der Anlage“, erklärt Fachmann Carsten Lübbe.

LANDWIRTE UND IMKER im Zusammenspiel

„Wenn ich diese 20 Seiten Antrag abgearbeitet habe, dann geht das hinterher sofort raus aus dem Kopf. Wir sollen Banker, Manager und Tierarzt sein. Aber in erster Linie sind wir Landwirte“, stellt Hendrik Baars energisch fest. Und als solcher arbeitet er häufiger mit einem Imker aus dem Ort zusammen. „Der geht mit anderen Augen dran, weist mich auf manches hin, zum Beispiel darauf, auf keinen Fall blühende Flächen abzumähen“, berichtet Baars. Eine noch unter der niedersächsischen Vorgängerregierung eingeführte „Imkerbeteiligung“ gibt Anreize für eine Zusammenarbeit zwischen den beiden Berufsständen.

Bewusstsein wächst

„Das Bewusstsein der Landwirte für das Zusammenspiel der Agrarwirtschaft und den Bedürfnissen von Insekten und anderen Lebewesen wächst. Aber es ist ein langsamer Prozess“, sagt der Hermannsburger Imkermeister Hinnerk Völker. „Die Tendenz geht zu mehr gegenseitigem Verständnis“, lautet auch die Einschätzung seines Berufskollegen, Imkermeister Klaus Ahrens aus Müden. Gegenbeispiele waren im Sommer zu beobachten, als die Blühflächen aufgrund der Trockenheit zum vorzeitigen Mulchen freigegeben wurden. „Manche Bauern mähten um die Mittagszeit – eine Todesfalle für alle Insekten“, berichtet Ahrens. Was die Zusammenarbeit auf Standesebene angeht, sieht er in seiner Funktion als Vizepräsident des Deutschen Berufs- und Erwerbsimkerbundes (DBIB) allerdings sehr viel Luft nach oben.

Gesamt-Blick gefragt

Mit dieser Aussage spannt Ahrens den Rahmen deutlich weiter. Damit ist er nicht allein. Auch die Landwirte Hendrik Baars und Ludwig Schulze sprengen die Grenzen von Agrarumweltmaßnahmen und Greening im Gespräch immer wieder. Es gibt zu viel zu sagen zu dem großen Thema Landwirtschaft. Hendrik Baars vermisst den Blick aufs große Ganze: „Wir brauchen Leute, die die Landwirtschaft in ihrer Gesamtheit sehen.“

Mini-Oasen in der Kulturlandschaft

Für einen Moment hat sie jedoch ihre Blütenpracht auf Ackerland sanft und versöhnlich gestimmt, was Ludwig Schulze resümieren lässt: „Blühstreifen sind Mini-Oasen in der modernen Kulturlandschaft. Sicherlich lässt sich damit nicht die Welt retten, aber es ist ein Anfang und trägt zur Sensibilisierung der Gesellschaft bei.“

Von Anke Schlicht