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Kultur 22 Neuproduktionen im hannoverschen Staatsschauspiel
Weltgeschehen Kultur 22 Neuproduktionen im hannoverschen Staatsschauspiel
16:09 28.04.2016
Hannover

Ein Motto stellen Sie der Spielzeit grundsätzlich nicht voran, eine Art Roten Faden scheint es aber diesmal zu geben. Stoffe über Themen des 20. Jahrhunderts spielen offenbar eine besondere Rolle.

Das hat sich tatsächlich in diese Richtung entwickelt. Schon früh stand fest, dass wir die Uraufführung von Ilija Trojanows Roman „Macht und Widerstand“ machen würden. Mit dem Autor haben wir drei Jahre lang die Gesprächsreihe „Weltausstellung Prinzenstraße“ veranstaltet und wussten daher frühzeitig von seinem Romanprojekt. Trojanow hat Jahrzehnte lang für diese Geschichte aus Bulgarien um ein Folteropfer und seinen Peiniger recherchiert. Zugleich planten wir für das Sommertheater im Theaterhof „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ nach dem Bestsellerroman von Jonas Jonasson, ein Roadmovie durch die Geschichte des 20. Jahrhunderts. Später kamen dann Projekte wie Tom Kühnels Revolutionsrevue „1917 – Lenin in the box“ hinzu, und die Auseinandersetzung mit dem letzten Jahrhundert verdichtete sich.

Auf die Gefahr hin, einen äußerst vieldeutigen Ausdruck zu gebrauchen: Enthält der neue Spielplan besonders viel politisches Theater?

Ich würde sagen, dass der Spielplan die Aktualität spiegelt und mit vielen Themen klarmacht, dass es heute für niemanden mehr möglich ist, die gesellschaftlichen Probleme auszublenden und sich in einer Komfortzone einzurichten.

Die Saisoneröffnung auf der großen Bühne wird „Hotel Savoy“ sein, auch das die Umsetzung eines Romans. Warum dieser Stoff von Joseph Roth?

Je höher man die Etagen in diesem Hotel hinaufsteigt, desto ärmer werden die Bewohner der Zimmer. Ein Sinnbild, das auch heute noch Gültigkeit besitzt. Der Titel „Hotel Europa“ wäre vielleicht noch passender, aber erstens ist er durch das Projekt vom Wiener Akademietheater besetzt und zweitens werden die Assoziationen sicherlich auch so klar. Theatermacher unterschätzen ja gern mal die Fähigkeit des Publikums, Bezüge herzustellen.

Verschiedene Stockwerke spielen auch in „Die Reichsgründer oder Das Schmürz“ von Boris Vian eine Rolle, das einen Tag nach „Hotel Savoy“ Premiere hat. In diesem schrägen Stück flüchtet eine Familie vor einer nicht genau definierten Bedrohung Richtung Dach, in Begleitung des besagten Schmürz, was immer das sein mag.

Hausregisseur Tom Kühnel findet immer wieder ungewöhnliche und ungewöhnlich aktuelle Stoffe. Das Stück wurde 1959 posthum uraufgeführt und ist zu Unrecht in Vergessenheit geraten. Vian karikiert hier die unbestimmten Ängste des Bürgertums und deren zerstörerische Kraft. Meine 16-jährige Tochter hat es gelesen und fand es spannend und witzig.

Und wie visualisiert man ein Schmürz?

Ich bin froh, dass ich hier nicht inszenieren muss …

Inszenieren wollen Sie hingegen „Einzelstern“ von Lukas Bärfuss. Die Geschichte handelt von einem Politiker, der Ähnlichkeiten mit Jürgen Möllemann aufweist.

Es ist vor allem eine Geschichte über die Bonner Republik und gleichzeitig eine Parallele zu heutigen Phänomenen wie AfD und Pegida. Mit Lukas Bärfuss gibt es eine lange Arbeitsbeziehung. Ein toller Dramatiker war er immer schon, aber in den letzten zehn Jahren ist er eine der wichtigsten politischen Stimmen der Schweiz geworden und streckt seinen Kopf streitbar aus dem Fenster. Das ist in der Alpenrepublik nicht gerade leicht. (Anm.: Lars-Ole Walburg hat von 1998 bis 2006 am Theater Basel gearbeitet.)

Sie haben klar bekundet, dass mit Auslaufen Ihres Vertrags nach der Spielzeit 2018/19 Ihre hannoversche Zeit beendet sein wird. Machen Sie sich jetzt schon einen Kopf über anschließende Aktivitäten?

Nein, das Spekulieren über ungelegte Eier liegt mir nicht. Ich definiere mich und mein Leben auch nicht über den Posten des Intendanten. Wenn ich nach meinem Beruf gefragt werde, antworte ich „Regisseur“. Die Zukunft hängt für mich auch davon ab, welche Wünsche und Angebote meine Frau hat. Ich könnte mir gut vorstellen, an einem ganz anderen Ort neu zu starten, Barcelona vielleicht oder London. Nur nicht in der Schweiz. Jörg Worat

Von Jörg Worat