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Kultur Abwechslungsreicher Abend mit mehr Form als Inhalt
Weltgeschehen Kultur Abwechslungsreicher Abend mit mehr Form als Inhalt
13:43 27.03.2017
In der Revolutionsrevue „1917“ von Tom Kühnel stehen in Hannover (von links) Daniel Christensen, Frank Wiegard und Günther Harder auf der Bühne. Quelle: Karl-Bernd Karwasz
Hannover

Denn so ganz klar wird der Grundgedanke hinter dem groß angelegten Abend nie. Für eine politische Analyse ist er zu klamaukig, für eine pure Unterhaltungsshow zu ernst, für einen Brückenschlag in die Jetztzeit zu diffus. Es gibt jede Menge Ansätze und kein großes Ganzes.

Der erste Teil handelt von der letzten Zarenfamilie und bedient insofern am ehesten den Revuecharakter als hier weidlich gesungen wird. Leider mal besser und mal schlechter – nicht alle Beteiligten haben eine derart präsente Gesangsstimme wie Carolin Haupt als Kaiserin „Sunny“ –, und zumindest in manchen Sitzreihen litt bei der Premiere die Textverständlichkeit unter der Dominanz der (sehr kompetenten) Live-Band. Da stimmte schlichtweg die Aussteuerung nicht.

Philippe Goos schickt das Publikum in der Rolle des Autors John Reed („Zehn Tage, die die Welt erschütterten“) mit einem fulminanten Monolog in die Pause, und auch in der Folge wechseln die Stilmittel munter. Da driften Lenin (Günther Harder) und Trotzki (Daniel Christensen) in eine Rap-Battle, derweil Frank Wiegard als Stalin die Klampfe schlägt, und eine bekannte Kühnel-Spezialität sind trickreiche Live-Videos, in diesem Fall eine hochvirtuose Verquickung der hannoverschen Akteure mit einer Einspielung der berühmten Treppenszene aus Sergei Eisensteins „Panzerkreuzer Potemkin“.

Irgendwann konzentriert sich das Geschehen auf das Leben Lenins nach Attentat und Schlaganfall, und was da, wiederum live gefilmt, in Schwarz-Weiß-Ästhetik erscheint, trägt zwar durchaus berührende Züge, passt aber nicht recht zum Vorangegangen, schon gar nicht, weil es endlos lang ausgewalzt wird. Bis noch einmal Leben in die Bude kommt und der verwirrte Lenin sich zu einer letzten Gesangsnummer aufrafft – ausgerechnet der Udo-Jürgens-Song „Gib mir deine Angst“ muss es sein.

An Abwechslung mangelt es diesem Abend also nicht. Aber er bietet viel mehr Form als Inhalt.

Von Jörg Worat