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Kultur Als Sylvette David Picasso verzauberte
Weltgeschehen Kultur Als Sylvette David Picasso verzauberte
12:47 26.02.2014
Das einstige Modell des Malers Pablo Picasso, Sylvette David, - vor einem Foto von ihr aus dem Jahr 1954, das zeigt, wie sie vor einem gemalten Portrait steht. Quelle: Ingo Wagner
Bremen

Jeder nimmt Stellung zu ihm, keiner bleibt gleichgültig, denn der Name Picasso stößt in der ganzen Welt auf Widerhall, löst Begeisterung aus oder auch Empörung. Man hat ihm die Worte in den Mund gelegt: „Ich suche nicht, ich finde.“ Natürlich war es für ihn zutreffend, denn er schaute nie zurück, war bereit ohne Gewinn und Verlust ein neues Feld zu beschreiten.

Und der Mann, dessen Kunst sich in burlesken Sprüngen vollzog, der den Kubismus so ungewöhnlich übersteigerte, war eben auch der exzessive Spanier der, wie ein Antoni Gaudi in der Architektur, auch zu ungewöhnlichen Figuren neigte. Doch Picassos Vertraute wussten es: das Genie war der einsamste Mensch der Erde. Weder seine dauerhaftesten Freundschaften, noch seine Leidenschaften, sein wechselndes Dasein, seine Gefühlskrisen, sein Erleben als Vater und schon gar nicht sein Erfolg bei der großen Welt, haben das geändert

„Das Werk, das man schafft, ist eine Art, sein Tagebuch zu führen“, notierte Picasso, und vom 27. November 1953 bis zum 3. Februar 1954 hat der Künstler ein Tagebuch in Bildern geführt, das seinem Motto entspricht – jedoch in Chiffren ohne Worte. 180 Blätter, darunter 70 Skizzen zum Thema „Der Maler und sein Modell“. So ganz imaginär sind diese Studien nicht, denn man weiß um seine seelische Verwundung, von den Franzosen „drame intérieur“ genannt. Im Herbst hatte Picasso, die Siebzig bereits überschritten, im Spiel des „Liebhabers“ eine Partie verloren: Francoise Gilot trennte sich von ihm, nach sieben glücklichen Jahren. Aber letztlich verwandelte er den Verlust des Herzens in einen Triumph seiner zeichnerischen Fantasie.

Und dann erlebte der greise Picasso noch einmal ein „Wunder“. Im Frühling 1954 traf er die junge Sylvette David in Vallauris an der Cóte d‘Azur. Für mehrere Monate wurde die Neunzehnjährige seine Muse und Quelle der Inspiration. Während der Sitzungen entstanden mehr als 50 Porträts in einer Vielzahl künstlerischer Medien, Gemälde, Zeichnungen, Skulpturen aus gefaltetem Blech, außerdem ungewöhnliche Keramiken.

Die Kunsthalle Bremen stellt die Sylvette-Serie in den historischen Kontext der 1950er Jahre. Der Betrachter hat Einsicht in Picassos Werk als greifbaren Ausdruck des kulturellen Zeitgeistes. Der Präsentation zahlreicher Sylvette-Bilder werden Porträts von Francoise Gilot und Jacqueline Roqne sowie Variationen zum Thema Maler und Modell gegenübergestellt.

Und so kann der Besucher dieser eindrucksvollen Ausstellung wieder Picasso-Originale erleben, nachempfinden wie der Künstler sich seiner Kreativität im Alter versichert, ein Mädchen malte, das nicht nur ein neuer Typus, sondern auch ein neues Selbstbewusstsein hatte. Vieles kam da zusammen, die Mode, die Frisur, die Persönlichkeit, etwas eben, was es in Picassos Werk noch nicht gegeben hatte, und daher zu einer besonderen „Handschrift“ führte.

Das gab es noch nie: eine Präsentation die sich ausschließlich der Sylvette-Serie widmet. Das Besondere: 220 Leihgaben aus der ganzen Welt machen diese Schau zu einem internationalen Treffpunkt für alle Picassofreunde – und die es dann vielleicht werden. Und Picassos blonde Muse, Sylvette David, die vor 60 Jahren das Genie verzauberte, war zur Eröffnung erschienen. Sie lebt heute in London, als bekannte Künstlerin und hat eine eigene Galerie.

Die Ausstellung ist zu sehen bis zum 22. Juni. Informationen: ☏ (0421) 32908-0, E-Mail: info@kunsthalle-bremen.de

Von Klaus Zimmer