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Kultur Anna Paavilainen: One-Woman-Show im Ballhof Hannover
Weltgeschehen Kultur Anna Paavilainen: One-Woman-Show im Ballhof Hannover
15:42 23.06.2017
Hannover

Denn Anna Paavilainen ging heftig zur Sache. In ihrem Stück „Play Rape“ hat die Finnin persönliche Erfahrungen ihres Berufs verarbeitet, Erfahrungen, die sie gewiss mit etlichen Kolleginnen teilt: Wie ist es, Vergewaltigungsopfer spielen zu müssen? Da ist bei den Proben schnell von „Katharsis“ die Rede, von der „Entwicklung der männlichen Hauptfigur“ und davon, dass doch ohnehin „alles nur gespielt“ sei – gefühlt hat Paavilainen in diesen Situationen allerdings oftmals nichts dergleichen. Sondern Ekel, Verzweiflung. Und jede Menge Wut.

Die lebte sie nun auf der Bühne aus. In drastischer Sprache haute sie dem Publikum unverblümt ihre Sicht der Dinge um die Ohren, ohne sich allerdings ausschließlich in endlosen Hasstiraden zu verlieren. Es gab durchaus humorvolle Passagen, und auch Selbstzweifel kamen zur Geltung: Da dies ja einzig und allein ihr Abend war, konnte die Darstellerin endlich einmal den Spieß umdrehen und sich symbolisch an unsicheren Jungschauspielern rächen. Das machte sie dann auch, fiel zu den Klängen von Nirvanas „Rape Me“ und Stroboskop-Geflacker über ausgebreitete Männerjacketts her. Eine erleichternde Erfahrung? Nein, so musste sie gestehen, eigentlich nur eine peinliche.

Trotz solcher Ausdifferenzierungen ist Paavilainens Ansatz letztlich einseitig. Die Schauspielerin, die sich ausdrücklich als Feministin versteht, weist völlig zu Recht auf Machtstrukturen im heutigen Theaterbetrieb hin und hinterfragt aus gutem Grund, ob mit dem Etikett „künstlerische Freiheit“ nicht viel Schindluder getrieben wird – doch auch männliche Darsteller haben unter alledem regelmäßig zu leiden.

Resümee der diesjährigen „Theaterformen“: Mit rund 10.000 Besuchern und eine Auslastung von 83 Prozent zeigen sich die Festivalmacher zufrieden. Diesmal waren ausschließlich Stücke von Regisseurinnen, Choreografinnen oder mindestens zur Hälfte weiblich besetzten Kollektiven eingeladen – ein Konzept, das die künstlerische Leiterin Martine Dennewald erst zum Festivalabschluss thematisierte. In ihrer Bilanz-Pressemitteilung bezeichnete sie den Ansatz als „leicht subversive Geste“ und schloss aus der Tatsache, dass öffentlich kein großes Fass darüber aufgemacht wurde, auf „die selbstverständliche Präsenz“ der betreffenden Damen. Etwas unklar bleibt, weshalb angesichts dieser ja nicht ganz neuen Selbstverständlichkeit ein solches in Dennewalds Worten „verstecktes kuratorisches Prinzip“ überhaupt nötig ist – bei einem Festival, dessen künstlerische Leitung übrigens seit 1998 mit Ausnahme der Jahre 2007 und 2008 stets in Frauenhand gelegen hat.

Von Jörg Worat