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Kultur Anne-Sophie Mutter mit kalkulierter Kratzbürstigkeit
Weltgeschehen Kultur Anne-Sophie Mutter mit kalkulierter Kratzbürstigkeit
16:05 22.04.2013
Hannover

Zum Auftakt des rein russischen Abends gab’s Modest Mussorgskys Vorspiel zur Oper „Chowanschtschina“. In den früheren Programmankündigungen war diese Nummer nicht aufgetaucht, und sie wirkte trotz einer sehr sensiblen Interpretation angesichts ihrer Kürze etwas verschenkt, da nun schon sehr bald nach Konzertbeginn auf der Bühne die großen Umbauarbeiten für den Star des Abends anstanden.

Anne-Sophie Mutter wird wohl immer polarisieren. Für die einen ist sie das Nonplusultra, die anderen argwöhnen einigen Hype. Sie trat mit Tschaikowskys Violinkonzert an, einem Meilenstein des Genres, und erfüllte einmal mehr wahrscheinlich die Vorstellungen beider Lager.

Die technischen Fertigkeiten der Musikerin stehen außer Frage. Das klang durchgehend klar bis hin zur Brillanz, auch leise Passagen waren deutlich akzentuiert. Liebhaber des „schönen Tons“ kamen voll auf ihre Kosten, ohne dass dadurch Anflüge von Kratzbürstigkeit gänzlich verschwunden wären. Selbst die wirkten allerdings kalkuliert – wer etwa einmal die Interpretation desselben Werks durch Patricia Kopatchinskaja erlebt hat, konnte dort eine ganz andere Dimension von Risikobereitschaft und Passion kennenlernen. Und ob ein solcher Ansatz Tschaikowskys Wesen nicht mehr entspricht, wäre durchaus eine Überlegung wert.

Im Publikum setzten sich indes die Enthusiasten eindeutig durch. Anne-Sophie Mutter ließ sich sehr viel Zeit bis zur Zugabe, die nachhaltig enttäuschte: Bachs d-Moll-Sarabande geriet zu schnell, zu süßlich, zu dramatisch und hatte einen diffusen Schluss. Dem kräftigen Beifall tat das keinen Abbruch.

Diskussionsstoff auch nach der Pause. Sergej Prokofjews 5. Symphonie litt sicherlich nicht unter mangelndem Effektreichtum, auch ging das Orchester unter Dirigent Yannick Nézet-Séguin das Werk höchst engagiert an. Selbst wenn die Bläser hier und da arg schrille Akzente setzten, wirkte das schlüssig, da Prokofjew nun einmal offenbar bewusst Elemente des Grotesken eingebaut hat, die jedoch nicht selten als Selbstzweck erscheinen und letztlich im Leerlauf landen. Das konnte dann schon etwas unbefriedigend wirken – wer es allerdings gerne knallig hat, wurde gut bedient, und der Schlussapplaus fiel stürmisch aus. Dirigent Nézet-Séguin nahm ihn erfreut zur Kenntnis, machte aber irgendwann mit einer Trinkpantomime deutlich, dass nunmehr andere Aktivitäten als eine Zugabe angesagt waren.

Von Jörg Worat