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Kultur Auf Spurensuche in der Ukraine
Weltgeschehen Kultur Auf Spurensuche in der Ukraine
10:37 17.03.2015
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Hannover

Ach herrje, wie soll man da den Überblick behalten? Es gibt eine Geschichte, eine Geschichte über die Geschichte und dann noch die geschichtliche Geschichte – das klingt schon für einen Roman aberwitzig, aber auf der Bühne muss es doch endgültig schief gehen? Nichts dergleichen: Mit der Theaterfassung von Jonathan Safran Foers „Alles ist erleuchtet“ hat das Staatsschauspiel ein kleines Juwel in die Landschaft gesetzt. Aus gutem Grund kam in der Cumberlandschen Bühne heftige Begeisterung auf.

Ein sonderbares Quartett begibt sich auf Spurensuche gen Osten, genauer gesagt in die Ukraine. Dort will der junge Amerikaner Jonathan – ja, die Sache ist autobiographisch angehaucht – etwas über seine Herkunft erfahren. Der Dolmetscher Alex, dessen Redseligkeit in umgekehrtem Verhältnis zu seinen Übersetzungskünsten steht, hat seinen Großvater mitgebracht, und auch der scheint für den Job nur bedingt geeignet, soll ausgerechnet er doch trotz behaupteter Blindheit das Auto lenken. Ein völlig weggetretener Hund namens Sammy Davis Jr. Jr. komplettiert die Reisegesellschaft.

Das Erleben ist eine Sache, das Berichten darüber eine andere. So geht es auf einer zweiten Ebene darum, wie Erfahrung in Erzählung umgesetzt wird und ob man sich dabei immer zwangsläufig an die so genannte Realität halten müsse. Wenn doch die Phantasie oft sehr viel reizvoller erscheint.

Klingt soweit alles skurril bis lustig, und entsprechend läuft es in Andrea Wagners über Eck gebautem Bühnenbild mit den runden Lampen und Ballons auch ab. Daniel Nerlich macht aus Jonathan einen sympathischen Nerd, Sandro Tajouri schwafelt wunderbar souverän meist in einer Kunstsprache daher, als hätte jemand aus dem Lexikon immer das haarscharf ungeeignete Synonym herausgesucht. Thomas Neumann ist ein herrlich grantiger Großvater, und Lisa Natalie Arnold spielt den Hund, wie er gespielt werden muss, nämlich mit vollem Körpereinsatz.

Mal gemahnt’s an Loriot, mal an eine durchgeknallte Clownsschule, und dabei hätte man es belassen können. Das aber wäre ein billiger Punktsieg gewesen, denn Tiefe bekommt die Sache erst durch die Geschichten aus der fiktiven Variante des Schtetls Trachimbrod. Da geistern so spannende Figuren herum wie das Mädchen Brod, das tiefgründig bis weise den „Almanach der 613 Traurigkeiten“ zu enthüllen weiß, oder dessen Gatte, der nach einem Unfall sein Leben mit einem Sägeblatt im Kopf fristet, munter, wenngleich mit leichten Verhaltensstörungen. Und schließlich schwindet jeder Resthumor, wenn die Einbindung mancher Figuren in die Gräueltaten der Nazis zur Sprache kommt – sehr klar und ohne großes Pathos wird das erzählt.

Alle vier Akteure beweisen in den Mehrfachrollen ihre Vielseitigkeit. Zudem haben es Regisseurin Mina Salehpour und Dramaturgin Vivica Bocks geschafft, dass die Spannung über die gesamten pausenlosen zwei Stunden hält – nur vereinzelt wird es eine Spur länglich, und das mag sich bei kommenden Aufführungen noch zurechtruckeln. Sehr starker Abend.

Von Jörg Worat