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Kultur Ausstellung „Heikles Erbe. Koloniale Spuren bis in die Gegenwart“ eröffnet
Weltgeschehen Kultur Ausstellung „Heikles Erbe. Koloniale Spuren bis in die Gegenwart“ eröffnet
15:42 05.10.2016
Hawai‘i Kapulani Landgraf: Ku Kia’i Mauna (Wächter der Berge). Quelle: Landesmuseum Hannover
Hannover

Die vor allem in Afrika und im Pazifik gelegenen deutschen Kolonien gab es erst vergleichsweise spät, nämlich ab 1884, und nicht sonderlich lange, mussten sie doch mit dem Versailler Vertrag von 1919 abgetreten werden. Bis heute hält sich verbreitet der fragwürdige Glaube, der hiesige Kolonialismus sei „besser“ gewesen – eines von zahlreichen Themengebieten, die das Landesmuseum anschneidet. Mit dem erklärten Ziel, die eigene Sammlung in den Mittelpunkt zu stellen und kritisch unter die Lupe zu nehmen. Die meisten der über 300 Exponate stammen aus dem eigenen Haus.

Symbolisch steht eines davon an der Schnittstelle von Anfang und Ende des Rundgangs: eine so genannte „Colon-Figur“ in soldatischer Gewandung, offenbar ein indigenes Mitglied der „Schutztruppe“. Bei der Recherche über die Herkunft kam es zu Ungereimtheiten: Nach gängiger Lesart hat Gouverneur Jesko von Puttkamer das Objekt bei einer Strafexpedition 1911 in Kamerun erbeutet. Das kann, wie sich inzwischen herausstellte, so nicht stimmen, da von Puttkamer das Land bereits 1905 verlassen hatte. Auch stilistische Eigenarten erschweren die Erkenntnis, woher genau die Figur eigentlich stammt und wann sie wie in welche Sammlung gekommen ist – nur ein Beispiel dafür, wieviel Forschungsarbeit bei diesem Thema noch erforderlich ist

Die Schau lässt keinen Gesichtspunkt aus: den rassistischen, wenn etwa Menschen aus fremden Kulturen in Zoos gezeigt wurden, die kolonialen Strafexpeditionen, die Aufstände. Sie hält dabei jederzeit die Balance; so wird beispielsweise deutlich, dass die gezeigten Objekte keineswegs immer durch Diebstahl, sondern vor allem auch durch Handel und Tausch in die jeweiligen Sammlungen kamen. Die damit gekoppelten Biographien kann man hier ebenfalls verfolgen, und neben berühmten und teils berüchtigten Namen wie Rudolf von Bennigsen oder Carl Peters finden sich viele weit weniger geläufige.

Die Sammlungsgegenstände sind, selbst wenn sie im herkömmlichen Sinne nicht unbedingt als Kunst bezeichnet werden können, oft von wunderbarer Ästhetik. Diese intensiven Figuren, Masken, Werkzeuge schaut man sich einfach gern an, und es wird sehr verständlich, weshalb etwa Picasso einst so stark von der afrikanischen Kultur beeindruckt war.

Damit ist es aber immer noch nicht genug, denn die Frage, ob wir heutzutage in gänzlich postkolonialen Zeiten leben, steht hier ebenfalls zur Debatte. Anderer Ansicht sind zeitgenössische Kunstschaffende aus Hawaii, die eine umfassende Auswahl ihrer Arbeiten zeigen – hier wird klar, dass dieser jüngste Zuwachs im Staatenbund der USA eher als Annexion mit ausgeprägtem Identitätsverlust verstanden wird.

Von Jörg Worat