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Kultur Ausstellung im Landesmuseum beleuchtet erstmals Aktbilder von Lovis Corinth
Weltgeschehen Kultur Ausstellung im Landesmuseum beleuchtet erstmals Aktbilder von Lovis Corinth
15:25 01.03.2017
Das allegorische Gemälde „Die Nacktheit“ von 1908 erinnert an klassische Darstellungender Venus und der Maja, doch hat der Künstler Lovis Corinth seinem liegenden Modellformal eine ausgeprägte Plastizität und inhaltlich eine spezielle Laszivität mitgegeben.
Hannover

Für den Sinnesmenschen Corinth (1858 bis 1925) war die Sache klar: Erotik galt es auszuleben, und den Tabubruch scheute der Maler keineswegs. Das Haus konnte aus seiner herausragenden Sammlung von Arbeiten dieses Künstlers schöpfen, unter den 72 Exponaten sind lediglich 13 Leihgaben. „Eine Besonderheit“, sagt Barbara Martin, Kuratorin der Schau, „ist, dass wir die Gemälde mit den Grafiken kombiniert haben. Einige davon waren noch nie ausgestellt.“ Teils sind die Grafiken als Vorarbeiten zu Gemälden zu verstehen, häufig hat Corinth aber auch den umgekehrten Weg gewählt und alte Motive im neuen Medium wieder aufgegriffen

Die Ausstellung ist nach Themengebieten gegliedert und beginnt naheliegenderweise mit der Antikenrezeption. Denn traditionell bewegte sich die Aktdarstellung in diesem Bereich, dem auch Corinth durchaus gewogen war. Allerdings auf seine eigene Art, wie gleich die ersten Werke beim Rundgang zeigen. Das allegorische Gemälde „Die Nacktheit“ von 1908 erinnert an klassische Darstellungen der Venus und der Maja, doch hat der Künstler seinem liegenden Modell formal eine ausgeprägte Plastizität und inhaltlich eine spezielle Laszivität mitgegeben. Und die Aphrodite, die Corinth ein Jahr zuvor für ein Gemälde über das Urteil des Paris skizzierte, löst sich insofern vom gängigen Darstellungskanon, als sie eine für die Entstehungszeit typische Hochsteckfigur trägt.

Sie ist außerdem keineswegs von klassischer Schönheit, ein Merkmal, das sich hier durch viele Arbeiten zieht – diesen Göttinnen und Göttern könnte man auch auf der Straße begegnen. Wie großzügig der Künstler ohnehin die Grenze zwischen dem Erhabenen und dem Alltäglichen auslegte, ist auch daran erkennbar, dass er regelmäßig Darstellungen von sich selbst und Charlotte Berend-Corinth, zunächst Schülerin, dann Modell und schließlich Ehefrau des Künstlers, in die Bilder schmuggelte, teils mit höchst unverblümter Erotik.

Und dass Corinth jederzeit dem Experiment zugeneigt war, zeigt etwa das Gemälde „Italienerin in gelbem Stuhl“ von 1912: Die Dame trägt einen riesigen Sommerhut, der das Gesicht komplett verdeckt und in jahreszeitentechnischer Hinsicht einen wunderlichen Kontrast zur Pelzstola über dem nackten Unterleib bildet.

Sehr sinnvoll scheinen die Ergänzungen zu den Corinth-Exponaten, etwa das Bildhauer-Antagonistenpaar Aristide Maillol und Auguste Rodin mit ihren völlig unterschiedlichen Auffassungen von Bewegung. Und zum Abschluss darf der Besucher auch ein wenig schmunzeln: Das Vordringen der Freikörperkultur in bürgerliche Kreise nahm Thomas Theodor Heine in einem Blatt für den „Simplicissimus“ kräftig auf die Schippe – die drei Damen und der eine Herr, die hier unbekleidet das Urteil des Paris nachstellen, hätten bei einem Schönheitswettbewerb wohl kaum Chancen auf einen der vorderen Plätze.

Von Jörg Worat