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Kultur Auszeit als künstlerisches Moment der Selbstvergessenheit
Weltgeschehen Kultur Auszeit als künstlerisches Moment der Selbstvergessenheit
21:32 06.05.2015
Das Werk „Femme assise et dormeuse“ von Pablo Picasso wird in der Ausstellung „ Auszeit. Vom Faulenzen und Nichtstun“ - im Sprengel Museum gezeigt. Quelle: Sprengel Museum
Hannover

Schon an der Fassade des Hauses grüßt uns der von Omar Alessandro konzipierte Schriftzug: „Der Künstler ruht sich aus.“ Steht man jedoch in der umfangreichen Schau, umgeben von großartigen Kunstwerken, kommen zunächst Zweifel auf über diese Aussage.

Die Verwirklichung dieser Ausstellung, mit Bildern der hauseigenen Sammlung, ist vor allem Dörte Wilke zu verdanken, die mit spielerischer Leichtigkeit und wissenschaftlicher Präzision einem ungewöhnlichen Hingucker den Weg bereitete. Sie möchte damit vor allem dem Empfinden von freier Zeit nachgehen und konnte das mit der Fülle von etwa 120 Positionen zur Diskussion stellen.

Aber gehört es nicht heute zum „guten Ton“, stolz über die eigene Arbeitsfülle zu berichten? Der Existenzkampf, so sagt man, erlaube keinen Stillstand. Doch diese Ausstellung spricht eine so eindringliche Sprache, dass so mancher Betrachter in ein positives Grübeln geraten kann. Ist es nicht erstaunlich, wie viele Künstler sich ausgerechnet mit diesem Thema in den unterschiedlichsten Medien (Grafik, Fotografie, Skulptur, Malerei, Video) auseinandersetzen?

Die Ausstellung folgt ganz bewusst keinem chronologischen, sondern dem thematischen Faden, der sich nach dem Soziologen Rolf Meyersohn (1972) ergibt. Einige Beispiele: Ganz typisch – und beeindruckend – die Schlafenden und Gähnenden aus den Händen eines Pablo Picasso, Ernst Barlach oder auch Max Beckmann. In Anlehnung daran Boris Mikhailov, Ernst Ludwig Kirchner, die sich den Urlaubern, Ruhenden und Müßiggängern widmen.

Die meisten Künstler erachten den Müßiggang als unbedingte Voraussetzung für ihre Arbeit. Der Tscheche Pavel Büchler hat zu diesem Thema eine kontinuierlich wachsende Werkserie entwickelt, wofür er Personen während ihrer Raucherpause fotografierte. Rund 1400 Fotos als digitale Diashow. Die Auszeit als künstlerisches Moment der Selbstvergessenheit erleben wir bei Peter Schlesinger und David Hockney. Max Beckmann fragt auch nach dem Gegenbild: Adam und Eva kurz nach ihrer Vertreibung aus dem Paradies. Ihrer Scham bewusst, wirken sie verhärmt und erschöpft, als habe die Arbeit als Strafe Gottes ihre Spuren hinterlassen. So wird auch bei anderen Werken die heiter wirkende Auszeit von konkurrierenden Bildern durchkreuzt. Etwa Käthe Kollwitz' „Zertretene“ oder die „auf Arbeit Wartende“ von Walter Ballhause.

Groß ist der Reigen der Künstler, der Werke. Er reicht von Jussuff Abbo bis Paul Wunderlich. Man kann sie nicht alle erwähnen. Vorschlag: Bleiben Sie neugierig und lassen Sie sich diese Ausstellung nicht entgehen.

Die Ausstellung „Auszeit. Vom Faulenzen und Nichtstun“ wird im Sprengel Museum bis zum 30. August gezeigt.

Von Klaus Zimmer