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Kultur Authentischer Eindruck vermittelt
Weltgeschehen Kultur Authentischer Eindruck vermittelt
15:45 05.02.2014
Blick vom Haus Magis auf den Kröpckepavillon, die Georgenstraße und das Opernhaus im Winter. Bild von Albert Knoke, um 1953. Kleines Foto oben: Trümmerräumung an der Georgstraße, im Hintergrund das Opernhaus, 1946. Kleines Foto unten: Die Georgstraße am Café Kröpcke, um 1955 Quelle: LHH
Hannover

Ausflügler genießen auf den Terrassen der Maschseegaststätte den weiten Blick über das Wasser. Eine Menschengruppe, darunter ein Kind, füttern Tauben am Ernst-August-Platz. Zwei Fotografien, die Ruhe und Idylle vermitteln. Von 1939 die eine, von 1954 die andere – als hätte die Hölle, die sich zwischenzeitlich aufgetan hatte, nie stattgefunden. Wie sich Hannover vom Vorabend des Krieges bis 1960 entwickelte, zeigt das Historische Museum in der großartigen Ausstellung „Stadtbilder. Zerstörung und Aufbau“, die kaum einen Besucher kalt lassen dürfte, egal ob gebürtiger Hannoveraner, Zugezogener oder Durchreisender. Eine streckenweise erschütternde Schau, die aber auch Qualitäten wie Hoffnung, Mut und Überlebenswillen in den Vordergrund stellt.

„Hannover ist durch den Erlass des Führers vom 12. Mai 1940 unter die Städte aufgenommen worden, die nach dem Willen des Führers neu gestaltet werden sollen“, vermeldete seinerzeit Stadtbaurat Karl Elkart. So sollte am Maschsee eine „Halle der Volksgemeinschaft“ mit 30.000 Sitzplätzen entstehen und eine gewaltige Straßenachse den Hauptbahnhof mit dem Waterlooplatz verbinden – eine Entwurfszeichnung zeigt, wie schneidige Uniformierte diesen Boulevard beschreiten. Im April 1942 war jedoch von alledem schon keine Rede mehr: Auf Anordnung der Reichskanzlei stellten die deutschen Großstädte sämtliche entsprechenden Planungen ein.

Ein Foto vom 1.8.1940 zeigt, wie die Fassade eines Hauses in der Seilerstraße nach einem Bombenangriff eingestürzt ist. Dem viele weitere folgen sollten; die schwersten Folgen hatten die Angriffe in der Nacht vom 8. zum 9. Oktober 1943. Die Ausstellung wirkt allein schon durch die Masse der Kriegsfotografien schonungslos und vermittelt gerade deshalb einen authentischen Eindruck von den Ereignissen.

Das Kriegsende und die ersten Jahre danach – auch diese Phase wird in allen Facetten gespiegelt. Da legen „Trümmerfrauen“ Hand an, steht im August 1947 das Café Kröpcke schon wieder, wenn auch nur als Leichtmetallkonstruktion mit Zeltplanen. Ebenso ist freilich die Razzia auf dem Schwarzmarkt dokumentiert und das Getümmel, als der Mob am Tag des Einmarschs US-amerikanischer Truppen eine Lindener Bäckerei plündert. Ganz zu schweigen vom verheerenden Hochwasser, das ab dem 10. Februar 1946 Teile der Stadt überschwemmt.

Doch langsam geht es aufwärts. Da gibt es die Wiedereröffnung des Opernhauses, ein Panoramablick auf die Georgstraße vermittelt schon fast wieder urbanes Flair. Gleichzeitig stehen hastig zusammengezimmerte Verkaufsbutzen in der Karmarschstraße. Und eine besonders atmosphärische Nachtaufnahme spiegelt Lichtreflexionen auf dem nassen Asphalt am Kröpcke.

Gemälde, Plakate, Objekte runden die Ausstellung ab, die noch bis zum 18. Mai zu sehen ist. Wer etwa das Modell zur Tarnung des Maschsees sieht – Teile des Gewässers wurden zuweilen abgedeckt, um die charakteristische Form zu verschleiern und so feindlichen Fliegern die Orientierung zu erschweren –, bekommt einmal mehr ein Gespür für eine Zeit, die der unseren so fern scheint. Und doch bei genauer Betrachtung gar nicht lange zurückliegt.

Von Jörg Worat