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Kultur Bildhafte und dynamische Delikatesse der NDR-Radiophilharmonie
Weltgeschehen Kultur Bildhafte und dynamische Delikatesse der NDR-Radiophilharmonie
13:07 08.05.2015
Hannover

Zwei dicke Brocken standen auf dem Programm des 8. Ring-A-Konzerts der NDR-Radiophilharmonie. Dass Johannes Brahms sein 2. Klavierkonzert als „ein ganz ein kleines“ ankündigte, ist eine gern zitierte Anekdote – das Stück dauert rund 50 Minuten. Langatmig indes wird es bei angemessener Interpretation kaum, und über weite Strecken wussten Orchester und Solist an diesem Abend die Herausforderung zu meistern.

Vor allen in den ersten beiden Sätzen. Dass Chefdirigent Andrew Manze ein musikalisches Feuer entfachen kann, ist hinlänglich bekannt, und hier brachte er den Orchesterklang zeitweise nachgerade zum Glühen, ohne dass es zu einer Überhitzung, sprich hohlen Effekten gekommen wäre. Die gleiche Qualität brachte auch Pianist Nicholas Angelich ein, der andererseits bei Bedarf bestechend leicht spielen kann. Etwas uneinheitlich fiel jedoch das Zusammenwirken mit der Radiophilharmonie aus: Mal geriet es traumhaft, mal schien man nicht hundertprozentig auf der gleichen Wellenlänge zu funken.

Streiten mag man über das von allen Beteiligten etwas betulich angegangene Andante, das zwar zweifellos die Kontrastwirkung erhöhte, aber für sich genommen dann doch einigermaßen anstrengend wurde. Der heftige Schlussapplaus war gleichwohl berechtigt, Angelich quittierte ihn mit einer leider gar zu verhauchten Schumann-Zugabe.

Von Hauchen konnte nach der Pause bei der „Symphonie fantastique“ von Hector Berlioz keine Rede sein – und die ist noch länger als der Brahms. Andrew Manze erwies sich einmal mehr als Phänomen: Selbst wer seinen Interpretationsansatz nicht bis in jede Einzelheit teilt, wird einräumen müssen, dass dieses Dirigat immer engagiert, durchdacht und variabel ist. Der „Ball“-Satz etwa kann leicht läppisch werden, doch Manze wusste ihn subtil auszudifferenzieren. Mit dynamischer Delikatesse gestaltete er die wahnhafte Atmosphäre des „Gangs zum Richtplatz“, und beim „Hexensabbat“ ging’s ebenso dramatisch wie ungemütlich zu. „Großes Kino“ kann man mit Recht sagen: Das war Musik der ausgesprochen bildhaften Art, aufgepeppt durch instrumentale Spitzenleistung, zum Beispiel in der Schlagwerk-Fraktion. Aus gutem Grund reagierte das Publikum auch zu vorgerückter Stunde noch putzmunter und ließ das eine oder andere „Bravo“ erschallen.

Von Jörg Worat