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Kultur „Brandbilder“ zeigen Spuren der Bombennacht in Hannover
Weltgeschehen Kultur „Brandbilder“ zeigen Spuren der Bombennacht in Hannover
13:32 18.05.2015
Das Diptychon mit Madonna und Kind, den Heiligen - Bernhardin von Siena und Johannes dem Täufer ist eine Leihgabe der Stadt Hannover. Quelle: Landesmuseum Hannover
Hannover

Denn die Kunstwerke haben die verheerende Bombennacht vom 8. auf den 9. Oktober 1943, als Hannover zu Großteilen in Schutt und Asche fiel, zwar überlebt, aufbewahrt in einer Stahlkammer des Lohnamts in der Friedrichstraße. Doch als man sie endlich aus den Trümmern des völlig zerstörten Gebäudes bergen konnte, hatten die höllischen Temperaturen ihre Spuren hinterlassen. Im Tresor dürften tagelang mehrere 100 Grad auf die Bilder eingewirkt haben.

19 dieser Gemälde aus der Zeit vom Spätmittelalter bis zum Impressionismus sind nun zu sehen, und die Ausstellung ist weit mehr als ein Mahnmal. Es geht auch nicht nur um die Präsentation großer Namen wie Hodler und Corinth, Lenbach und Courbet, Liebermann und Slevogt, von dem das vielleicht spektakulärste Werk stammt, der „Württembergische Dragoneroffizier zu Pferde“ aus dem Jahr 1902.

Denn ebenso ist die restauratorische Feinarbeit ein zentrales Thema der Schau. Gerade in der Nachkriegzeit haben gut gemeinte Rettungsversuche nicht selten eher Schaden angerichtet, wie etwa Leo von Königs Damenbildnis aus dem Jahre 1914 deutlich macht: Bei einem Teil der Hand mag zwar erfolgreich eine Rußschicht entfernt worden sein, doch ist dabei offenbar einige Farbe flöten gegangen. Und auf Lovis Corinths Gemälde „Nacktheit“ von 1908, das erstaunlich unbeschädigt wirkt, sind einige Partien großzügig nachretuschiert worden. Manchen Exponaten sind Schwarzweißfotos aus der Zeit vor der Zerstörung beigefügt, die zwar Aufschluss über die einstigen Strukturen, nicht aber über die eigentliche Farbgestaltung geben können.

Das eine oder andere Bild entwickelt durch die Defekte fast schon so etwas wie eine eigene Ästhetik. Da Farben unterschiedlich auf Hitze reagieren, hat das Gesicht auf einer spanischen Frauendarstellung aus dem 17. Jahrhundert seltsam gespenstische Züge angenommen, und ein Stillleben mit Enten aus der Hand des exzentrischen prämodernen Malers Carl Schuch ist zur einer reinschwarzen Textur verschmort, die zwar völlig undefinierbar, aber keineswegs reizlos wirkt. In diesem Fall ist zum Vergleich auch ein unbeschädigtes Bild des Künstlers zu sehen.

Als weiterer Aspekt wird die Beutekunst thematisiert, was sicher damit zu tun hat, dass Kuratorin Claudia Andratschke ausgewiesene Expertin für Provenienzforschung ist. Fazit: Die Schau, die bis zum 6. September läuft, umfasst zwar nur einen einzigen Raum – aber zu entdecken gibt es jede Menge.

Von Jörg Worat