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Kultur Brite Andrew Manze wird neuer Chefdirigent der NDR-Radiophilharmonie in Hannover
Weltgeschehen Kultur Brite Andrew Manze wird neuer Chefdirigent der NDR-Radiophilharmonie in Hannover
16:54 02.07.2014
Neuer NDR-Chefdirigent wird der Brite - Andrew Manze. Quelle: Gunter Glücklich/NDR
Hannover

Ein Dirigent ist eine gottgleiche Gestalt, aristokratisch bis zur Unnahbarkeit? Wer so denkt, hat Andrew Manze noch nicht erlebt. Der neue Chef der NDR-Radiophilharmonie, der zur kommenden Saison als Nachfolger von Eivind Gullberg Jensen durchstartet, versteht es im Gespräch, den Zuhörer spätestens nach zwei Minuten abzuholen – der 49-jährige Brite ist ein Kommunikator der Extraklasse.

Manze, dessen Name sich „Män-sie“ ausspricht und der auf einen italienischen Großvater mit der Schreibweise „Mansi“ verweist, ist vor allem bekanntgeworden als Spezialist für Alte Musik und historische Aufführungspraxis. Dass er nun einem modernen Orchester vorsteht, überrascht heutzutage kaum noch – der Kollege Thomas Hengelbrock beispielsweise ist einen ähnlichen Weg gegangen. Ganz zu schweigen davon, dass Grenzen für Andrew Manze ohnehin zum Überschreiten da sind.

So interessierte sich das Multitalent zwar schon früh für die Welt der Klänge, absolvierte aber zunächst ein Latein- und Griechischstudium in Cambridge, und noch heute weiß Manze von seiner Vorliebe für Tacitus und Plato zu berichten. Die Musik gab er indes darüber nicht auf; es folgte ein Violinstudium, und als der Cembalist Richard Egarr die Gründung eines Barock-Ensembles vorschlug, ging Manze darauf ein. Seit 1993 konzentriert er sich aufs Dirigieren, ab 2006 war er Chefdirigent des Helsingborg Symphony Orchestra. Die gesamte Aufzählung seiner Aktivitäten würde den Rahmen dieses Artikels sprengen: Das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin, das City of Birmingham Symphony Orchestra und das Seattle Symphony Orchestra sind nur einige seiner Stationen; dazu kommen zahlreiche CD-Einspielungen. Außerdem ist Manze als Lehrer tätig und regelmäßig auch in Funk und Fernsehen zu erleben.

Hat er jemals bedauert, die Violine zur Seite gelegt zu haben? „Nein“, kommt die prompte Antwort im Brustton der Überzeugung. „Es gibt so viele gute Geiger, denen ich gerne zuhöre.“ Dass die eigene Ehefrau dazugehört, macht die Sache wohl noch etwas einfacher: Mit Tale Olsson lebt Manze in einem schwedischen Naturparadies. Das Paar hat zwei Kinder, Luigi (10) und Clara (8), und der Wohnort soll so bald auch nicht aufgegeben werden.

Die NDR-Radiophilharmonie darf sich auf manche Freiheiten freuen, denn der neue Chefdirigent ist ein erklärter Feind des sturen Vom-Blatt-Ablesens: „Es kann doch nicht darum gehen, ein Stück immer auf die gleiche Weise wiederzugeben. Die Interpretation muss aus dem Moment heraus entstehen, und dabei können so viele unterschiedliche Faktoren eine Rolle spielen.“ Der Dirigent erinnert sich an eine sehr spezielle Aufführung: „Da hat der Klaviersolist eine eigene Komposition gespielt, und ich bemerkte auf dem Pult, dass er vom Notentext abwich, bis ich irgendwann wieder wusste, wo er war. Aber ich fand es vollkommen schlüssig so. Beim Beethoven danach hat er dasselbe gemacht. Der Notentext ist eben nur eine Art Landkarte, aber den Weg darauf muss man sich jedes Mal neu suchen.“

Von Jörg Worat