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Kultur Charmanter Balanceakt mit schwachem Finale
Weltgeschehen Kultur Charmanter Balanceakt mit schwachem Finale
12:26 21.03.2017
Hannover

Der ist zumeist dem Jungen Schauspiel vorbehalten, doch gibt es in diesem Fall keinen stichhaltigen Grund, älteren Semestern vom Besuch abzuraten. Denn die Frage, was man aus seinem Leben machen will, machen soll, gemacht hat oder noch machen kann, ist generationenübergreifend.

Der Schüler Frieder hat versucht sich umzubringen. Eine WG scheint da die richtige Idee, ihn von trüben Gedanken abzubringen. Allerdings nistet sich im „Auerhaus“ (eine Verballhornung des „Madness“-Songs „Our House“) ein seltsames Völkchen ein. Frieders Freund Höppner, aus dessen Perspektive die Geschichte erzählt wird, ist gutwillig, aber nicht unbedingt das hellste Licht am Baum. Seine Freundin Vera gehört zur rustikalen Fraktion, während Cäcilia aus reichem Hause stammt und öfter mal rumzickt. Der androgyne Harry und die psychiatrieerfahrene Pauline komplettieren das Sextett.

Regisseurin Anna Vera Kelle meistert den heiklen Balanceakt, den Alltag dieser Jugendlichen hinreichend charmant darzustellen, ohne die Figuren zu denunzieren – wirklich läppisch wird die Inszenierung nie, umschifft aber auch jeglichen Betroffenheitskitsch. Oft macht es einfach Spaß, dieser Truppe zuzuschauen, wenn sich etwa hinter „Essen ist fertig“ das Öffnen von Weinflaschen verbirgt, das Umsägen des Weihnachtsbaumes auf dem Dorfplatz zum Gesprächsthema Nummer 1 wird oder in Beziehungs-Debatten mehr oder weniger missglückte Vergleiche zwischen Liebe und Kuchen herhalten müssen. Alle Darsteller sind solide, mit Ausnahme von Sebastian Weiss als Höppner – der nämlich ist großartig, ein Vollblut-Komödiant mit fast untrüglichem Gespür dafür, wie peinlich man gerade noch sein darf, ohne in die Albernheit umzukippen.

So weit, so schön, aber im Finale stimmen die Spannungsbögen nicht mehr. Die Fantasien darüber, wie sich alles in blumigstem Wohlgefallen auflöst, sind zu grell, das nachfolgende Unhappy-End wiederum zu unvermittelt – plötzlich ist es dunkel auf der Bühne, und keiner weiß warum.

So dauert es ein paar Momente, bis der Applaus losbricht. Und dann auch nicht mehr so schnell aufhört, unter dem Strich sicherlich verdient.

Jörg Worat

Von Jörg Worat