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Kultur Das Leben und Sterben des Komponisten Claude Vivier
Weltgeschehen Kultur Das Leben und Sterben des Komponisten Claude Vivier
20:18 25.05.2014
Braunschweig

Als Koproduktion der Münchner Biennale mit dem Staatstheater Braunschweig wurde diese Produktion herausgebracht. Ein eindrucksvolles, knappes, musikalisch ganz eigenständiges Stück, das bereits in München viel gelobt wurde. Und das gilt sowohl für Stück als auch für die rundum gelungene Braunschweiger Umsetzung unter der hervorragenden musikalischen Leitung von Sebastian Beckedorf und in der sehr dichten Inszenierung von Lotte de Beer.

Vivier ist der Name eines homosexuellen Komponisten, der im Alter von 35 Jahren von einem Strichjungen ermordet wurde. Und diesen Mord an sich selbst hatte er in einem bereits entworfenen Werk voraus geahnt. Nicodijevic hat diesen Lebensweg zum Ausgangspunkt seiner sechs Szenen gemacht, die verschiedene Lebensstationen, aber auch Fantasien und innere Konflikte Viviers beleuchten und im tödlichen schwulen Geschlechtsakt münden. Wie ein Vieh wird Vivier durch Unmengen von Stichen geradezu rituell geschlachtet. Das sprachstarke Libretto dazu wurde dem Komponisten von Gunther Geltinger geschrieben, den er bei einem Stipendiatsaufenthalt im wendländischen Schreyahn kennen gelernt hatte. Klein ist die Welt.

Die Musik Nicodijevics ist äußerst vielschichtig, postmodern in dem Sinne als der Komponist sich aus dem Fundus der Musikgeschichte bedient und damit arbeitet. Das Beeindruckende ist, dass der Komponist aber immer erst einen eigenen musikalischen Ton etabliert, den er dann mit verfremdeten und verfremdenden Klängen der unterschiedlichsten Art bereichert. Da gibt es mal Klänge, die an Tschaikowsky erinnern, mal an Weill, mal an mittelalterliche Kirchenmusik. Aber Nicodijevic scheut auch nicht davor zurück, mitten in eine vollkommen fremde Klangwelt fast eine Art Schlager zu schreiben, nämlich ein Kinderlied, das geradezu Ohrwurmcharakter hat. Und die Sänger dürfen auch richtig singen, sind also nicht, wie bei vielen zeitgenössischen Komponisten, mit wenig stimmgemäßen Anforderungen konfrontiert. Allerdings wirkt es arg artifiziell gewollt, dass die schwierige Hauptpartie für einen Countertenor geschrieben wurde. Sehr gut in dieser Rolle: Tim Severloh.

Ein wesentlicher Teil der so eigenständigen musikalischen Sprache Nicodijevics besteht in der immer wieder die Szene bereichernden Klangschicht des rappenden Chors. Schade nur, dass die hervorragend den Text in szenische Aktion und ästhetisch eindrucksvolle Bilder umsetzende Regie von Lotte de Beer darauf verzichtet hat, den oft wenig verständlichen Text dem Publikum mitlesbar zugänglich zu machen.

Reinald Hanke

Von Reinald Hanke