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Kultur Dem Wesen des Punk auf die Spur gekommen
Weltgeschehen Kultur Dem Wesen des Punk auf die Spur gekommen
10:17 12.12.2017
Hannover

Angesagt war ein Recherche-Projekt der Regisseurin Ulrike Günther: Auf der Grundlage der berüchtigten hannoverschen Chaostage, die in den 80er und 90er Jahren massive Auseinandersetzungen zwischen Punks und Ordnungshütern mit sich brachten und bundesweit Schlagzeilen machten, hat Günther versucht, dem Wesen des Punk auf die Spur zu kommen. Zu Interviews mit Mitgliedern der Szene von damals und heute kamen Recherchen über andere Motive aus dem ewig aktuellen Themenkreis „Masse und Individuum“.

Passenderweise beginnt der Abend mit mächtigem Schlagzeugeinsatz, Ohrstöpselverteilung inklusive: Tim Golla sitzt in der Mitte der dreieckigen Bühne und gibt auch im weiteren Verlauf gern einmal den Donnergott, zuweilen angereichert durch gegrölte Parolen wie „Sich fügen heißt lügen“. Das Darstellertrio Maximilian Grünewald, Anke Stedingk und Janko Kahle ist punkig zurechtgemacht, als Kontrapunkt kommt Wolf List, ein Schauspieler Anfang 60, wie aus dem Ei gepellt daher.

Es gibt biografische Skizzen – den Bericht vom ersten Besuch eines Punkkonzerts, die Sorgen des Mädchens, das aus den üblichen Beliebtheitsrastern herausfällt, die düstere Schilderung der Teenagerszene in Coburg. Es gibt Erzählungen von Ereignissen, bei denen die Initiative einzelner Menschen weitreichende Folgen hatte: 1983 etwa musste der russische Oberst Stanislaw Petrow in kürzester Zeit eine Entscheidung treffen – bedeuteten die plötzlich eintreffenden Satellitenbilder tatsächlich einen Raketenangriff der USA? Er entschied sich, zu Recht, für einen Fehlalarm und verhinderte damit höchstwahrscheinlich den 3. Weltkrieg.

Zuweilen wirft man dem Theater vor, es sei nicht nahe genug am Leben. Hier wäre dieser Vorwurf fehl am Platze. Denn eine wichtige Figur im Stücktext ist Karl Nagel, Mitinitiator der Chaostage, eine Art Ur-Punk, und eben der ist persönlich anwesend. Er soll für den Deutschlandfunk über die Premiere berichten, und Janko Kahle beschließt, ihn anzusprechen. Schon vorher hatte Nagel mit Mimik und Gestik deutlich zu verstehen gegeben, dass ihn der Abend wenig begeistert, nun verkündet er seine Meinung freimütig: Mit Punk habe das alles ja nun gar nichts zu tun, und schon gibt es ein munteres Gekabbel über das Authentische, das Echte und das Theater als solches. Zugegeben, der Dialog führt zu nichts, aber er bricht derart gründlich aus der Routine aus, dass man auf jeden Fall sagen muss: Hier geht es um Punk – und bei welchem Thema würde eine derartige Entgleisung wohl besser passen?

Die künftigen Vorstellungen werden ohne Karl Nagel auskommen müssen. Was der eine begrüßen und der andere bedauern mag.

Von Jörg Worat