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Kultur Deutsche Nachkriegskunst eindringlich dokumentiert
Weltgeschehen Kultur Deutsche Nachkriegskunst eindringlich dokumentiert
13:43 27.12.2017
Ausstellung „Hundert Hoffnungen - Protest und Vorstadtidyll“ Konrad Klapheck Hundert Hoffnungen 1960 Öl auf Leinwand Quelle: Herling / Herling / Werner, Sprengel Museum Hannover
Hannover

Der Untertitel „Protest und Vorstadtidyll“ verdeutlicht, um welches Spannungsfeld es bei diesen Arbeiten aus den 60er und 70er Jahren geht, und nicht zuletzt sind hier einige mittlerweile viel beachtete und teuer gehandelte Künstler vertreten.

Zum Beispiel Sigmar Polke, der auf einem in typischer Manier gerasterten Siebdruck ein Wochenendhaus mit einer Pflanzendarstellung kombiniert – ein Spiel mit Klischees, ebenso wie der betont putzige Babyboom von Konrad Lueg, der seine Figuren durch wiederholte Aneinanderreihung jeglicher Individualität beraubt. Beide Blätter stammen aus der 1968 veröffentlichten Mappe „Grafik des kapitalistischen Realismus“, die hier komplett zu sehen ist und in der sich auch ein böser Druck von Wolf Vostell befindet: Zu sehen ist, mit Glitzergranulat verziert, eine Reihe von „Starfightern“, jenen Kampfflugzeugen, um die sich nach einer Reihe tödlicher Abstürze eine Affäre entwickelte.

Die Starfighter tauchen auch in einer von Vostells schrägen Installationen auf, kombiniert unter anderem mit einem Turnschuh, Schokolade, Erbsen und einer Kopie von Tischbeins Goethe-Bildnis – nicht gerade eine Idealvorstellung vom Land der Dichter und Denker.

Ja, es ist in weiterem Sinne politische Kunst, die hier zu sehen ist und zuweilen aus heutiger Sicht etwas plakativ wirkt, wenn etwa der hannoversche Künstler Siegfried Neuenhausen eine offenbar zum Hitlergruß erhobene Hand aus einem braunen Haufen ragen lässt. Etwas subtiler erscheint da das Gemälde von Konrad Klapheck, das der Ausstellung ihren Titel gegeben hat: „Hundert Hoffnungen“ zeigt eine Reihe technischer Elemente, die allesamt dieselbe Ausrichtung haben – nur eines büxt aus und dreht sich auf die andere Seite.

Vertreten ist auch Gerhard Richter, dessen Arbeiten immer wieder Rekordpreise erzielt haben, was das Werk lebender Künstler anbelangt. Von ihm sind hier ebenfalls Flugzeuge zu sehen und ein Mao-Bildnis; beide Drucke weisen die Richter-typischen Unschärfen auf. Wenn wir schon von großen Namen sprechen: Eine Emailschüssel von Joseph Beuys bekommt durch den Titel „Für Fußwaschung“ eine vielleicht religiöse, mindestens aber soziale Bedeutungsebene. Und wer es besonders obskur mag, könnte sich an einer „Literatur-Verwurstung“ von Dieter Roth erfreuen: Der in Hannover geborene und 1998 in Basel verstorbene Künstler zeigte gern, was er von Druckerzeugnissen hielt, indem er sie zu Papierbrei verarbeitete und mit Gelier- und Gewürzstoffen stilecht in Kunstdarm füllte – beim hier gezeigten Exemplar hat er sich dafür die Zeitschrift „Stern“ vorgenommen.

Von Jörg Worat