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Kultur „Die Rasenden“: Karin Beier startet mit einem beeindruckenden Antikenprojekt
Weltgeschehen Kultur „Die Rasenden“: Karin Beier startet mit einem beeindruckenden Antikenprojekt
12:28 21.01.2014
Mit dem fünfteiligen Antikenprojekt „Die Rasenden“ startete die Regisseurin Karin Beier am Sonnabend in ihre Intendanz am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg. Hier eine Szene mit Anne Müller (links) als „Iphigenie“ und Julia Wieninger als „Hekuba“ auf dem Teil „Die Troerinnen“. Quelle: Markus Scholz
Hamburg

Jetzt endlich sollte es losgehen. Und wie! Mit fünf miteinander verzahnten Stücken über den großen Themenkreis des trojanischen Krieges: „Die Rasenden“, so der Übertitel. Fünf anspruchsvollste Stücke in fünf Stunden Spielzeit plus Pausen. Welch eine Herausforderung! Und: Welch staunende Begeisterung! Die ersten beide Stücke „Iphigenie auf Tauris“ und „Die Troerinnen“ gerieten dermaßen fulminant, dass man schon Hoffnungen haben konnte, einem singulären Theaterereignis beiwohnen zu können. Das wurde es dann zwar nicht, aber trotzdem ist von einem gelungenen Start in Hamburg zu berichten.

Karin Beier hat nicht nur versucht den ganzen Stoffkreis abzuhandeln, sie hat auch versucht, die Themen von verschiedenen Seiten aus zu beleuchten. Und das sowohl inhaltlich wie formal. Beier hat nämlich jedes Stück mit einer eigenen szenischen Sprache als eigenständigen Teil eines großen Ganzen behandelt.

Das erste Stück „Iphigenie“ hat sie als stilisiertes Maskentheater ganz im Sinne der Aufführungstraditionen im alten Griechenland beginnen lassen. Im Laufe des Stückes treten immer schärfer die Individuen hervor und die Masken werden abgelegt. Da gab es schauspielerisch grandiose Leistungen zu bewundern, allen voran Anja Müller als Iphigenie. „Die Troerinnen“ kamen dann als zunächst illusionistisches und geradezu archaisches Theater daher, das dann aber durch einen Sprecher aus dem Off ironisch gebrochen wurde. Auch da gab es schauspielerische Glanzleistungen zu bestaunen, nicht nur, aber insbesondere Rosalba Torres Guererro als Kassandra. Das war großes, unter die Haut gehendes Theater mit enormer Suggestivkraft, die noch gesteigert wurde durch einen gekonnten Einsatz von Musik. Der Zwischenakt des Schilderns von jahrelangem kriegerischem Morden als Musikstück von Jörg Gollasch, dargeboten vom gleichermaßen musizierenden wie szenisch spielenden Ensemble Resonanz, bleibt genauso in Erinnerung wie dieser grandiose erste Teil des Abends, der leider nach der ersten Pause nicht mehr so beeindruckend weiter ging.

Es folgte „Agammemon“ als brechtsches Verfremdungstheater, bei dem einzelne Nummern sich aber selbstzweckhaft verselbstständigten. Nun pendelte der Abend zwischen köstlichem, aber nicht immer sinnfälligem Amüsement und Langeweile dahin. Einzig Joachim Meyerhoff spielte nun so virtuos, dass er in Erinnerung bleiben dürfte. Im vierten Stück des Abends, „Elektra“, folgte die große Enttäuschung. Voller Pathos, aber gerade am Anfang nicht als lebendiges sondern als indirektes Theater mittels Videoübertragungen des teilweise unsichtbaren Spiels auf zwei Leinwände. Zum Abschluss eine Art Satyrspiel in alter griechischer Tradition. Streckenweise wurde nun virtuoses komisches Theater geboten, manchmal von atemberaubender boulevardesker Leichtigkeit, manchmal aber auch in belanglosen Albernheiten versackend. Nichtsdestotrotz wirkte diese Brechung des Abends befreiend.

Von Reinald Hanke