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Kultur Die zornigen Bilder der Niki de Saint Phalle
Weltgeschehen Kultur Die zornigen Bilder der Niki de Saint Phalle
10:16 06.02.2014
Die Künstlerin Niki de Saint Phalle fiel mit ihren Werken – bildlich gesehen – aus dem Rahmen, - hier „Monkey“, das um 1960/61 entstanden ist. Quelle: Stiftung Ahlers Pro Arte
Hannover

Ausstellungen der Stiftung Ahlers/Pro Arte sind – garantiert – immer eine Überraschung. Und besonders dann, wenn Schießbilder von Niki de Saint Phalle angekündigt wurden. Natürlich sind auch viele Assemblagen (Objektkunst) zu sehen, aber dieses „En Joue!“ (Leg an!) der Künstlerin sorgt im Vorhinein schon für eine erwartungsvolle Spannung – und Neugier. Jeder prägende Schritt in dieser Kunstsprache ist mit einem Hauptwerk vertreten.

Der Lebenslauf der Künstlerin entspricht, mit jeder Faser ihren Werken. Niki de Saint Phalle, geboren 1930 in einem kleinen französischen Ort, lebte schon früh in den USA und erkannte, dass Kunst ein Lebensprinzip ist und dass es galt für sie, einen Weg zu finden zwischen ihrem Innern und der Außenwelt. Vielleicht hat das „En Jou! einen Urgrund in dem sexuellen Missbrauch ihres Vaters als sie elf Jahre alt war? Ein Schock, den sie in einer psychiatrischen Klinik ausheilte. Man weiß aber auch, dass sie dort ihre ersten Collagen hergestellt hat, weil sonst kein Material vorhanden war. Zwischen 1960/61 schuf sie ein Unzahl von Miniaturen. (in der Ausstellung).

Historisch gesehen erreichte die Künstlerin festen Boden unter den Füßen, als sie ein 22 Long Rifle Gewehr in die Hand nahm und auf ein Bild schoss. Sie schreibt später über ihre Schießbilder „... geschossen auf: Papa, alle Männer, die Gesellschaft ...Rot, gelb, blau, die Farbe weint, die Farbe ist tot. Ich habe die Farbe umgebracht. Sie ist wiederentstanden. Krieg ohne Opfer.“ Saint de Phalle schießt auf alles: bei der Collage „Portrait de mon amour“ ist der Kopf über dem Oberhemd eine sich anbietende Zielscheibe.

Mit ihren Arbeiten war Sie eine Ausnahme unter den Künstlern der Nouveaux réalistes, denn sie fiel, bildlich gesehen, völlig aus dem Rahmen. Später erkannte sie mit der Technik des „Objet trouvé“ die Möglichkeit, etwas unmittelbarer und schneller zum Ausdruck zu bringen. Dabei, abgesehen von dem planenden Joan Tinguely (ihrem zweiten Ehepartner), dem „Anti-Maschinenbauer“, räumt die Künstlerin dem Zufall stets einen Sonderplatz ein.

Saint Phalle war, wie man in Frankreich sagt, eine begabte Bricoleuse (Bastlerin). Schon Ende der fünfziger Jahre beginnt sie, in die mit Spachtelmasse bedeckten, modellierten Tafeln allerlei Fundobjekte zu integrieren; und sie gestaltet mit ihnen diese beeindruckenden großen Assemblagen, jeweils wie Bühnenstücke, die man bei Ahlers „lesen“ kann. Etwa „Grand Tir-Séace“, die Bilder „Cathédrale“, „Autel Noir et Blanc (0u Autel), 1962, oder die lebensgr0ße „Vénus de Milo“ (Diese Arbeiten sollte man selbst „erleben“).

Die Künstlerin entwickelte eine wahre Polyphonie, ohne einem bestimmten, einzelnen bildlichen Soundeffekt den Vorrang zu geben. Ihr Werk ist elastisch, poetisch und persönlich. Assemblage und Collage waren ihre Methode, um Fantasievolles herzustellen. Das eigentliche „Wesen“ dieser Kunst beruht auf ihren unerklärlichen und überraschenden Elementen.

Niki de Saint Phalle ist 20o2 in San Diego gestorben. In Hannover hat sie uns mit den Nanas und der Grotte im Großen Garten unvergessliche „Erinnerungen“ hinterlassen. Die Ausstellung in der Warmbüchenstraße 16 läuft bis zum 21. April, Geöffnet: freitags bis sonntags von 12 bis 17 Uhr. Hervorragender Katalog!

Von Klaus Zimmer