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Kultur Dreiteiliger Abend mit hervorragenden Akteuren in Hannover
Weltgeschehen Kultur Dreiteiliger Abend mit hervorragenden Akteuren in Hannover
11:19 01.09.2017
Quelle: Katrin Ribbe
Hannover

Skepsis schien angebracht, ist diese Bühne doch nicht unbedingt für die Inszenierung großer Gefühle bekannt; gerade Regisseur Tom Kühnel setzt gern auf ironische Brechungen. Doch der Geschichte von der Frau, die mit dem Mord an den eigenen Kindern die ungeheuerlichste aller Taten begeht, hat er sich ebenso klug wie sensibel genähert.

Zum Beispiel dadurch, dass bei ihm die Medea-Version von Franz Grillparzer die Grundlage bildet und somit die Vorgeschichte der grausigen Ereignisse deutlich wird. Der dreiteilige Abend beginnt mit einer ausführlichen Beschreibung der Verhältnisse in Kolchis, wo Königstochter Medea zauberkundig ist und man überhaupt der Magie vertraut. Entsprechend agieren die Akteure in ihren nicht genau definierbaren folkloristischen Kostümen stark ritualisiert, Bewegungen und Sprache passen sich einem archaischen Rhythmus an.

Das strenge Treiben findet ein jähes Ende mit der Ankunft Jasons. Flugs werden moderne Klamotten herausgekramt, und nun kommt Pocahontas ins Spiel, durchaus sinnfällig, geht es doch auch bei Disney letztlich um den Einbruch der sogenannten Zivilisation in die Welt der „Wilden“. Medea kann sich jedenfalls dem Einfluss des fremden Abenteurers nicht entziehen und opfert darüber sogar die eigene Familie.

Zeitsprung. Nach der Pause ist große Ernüchterung eingekehrt. Als Vertriebene betteln Jason und Medea um Aufnahme bei König Kreon, auch kriselt es zwischen den beiden heftig. Die Tragödie nimmt seinen Lauf. Dass hier zuweilen Maria-Callas-Episoden eingeflochten werden, wäre zwar vielleicht nicht unbedingt nötig, scheint aber angesichts der fragwürdigen Beziehung zwischen der Sängerin und Onassis auch nicht abwegig, ganz abgesehen davon, dass Callas ja nicht zuletzt für die Darstellung der Medea im Pasolini-Film bekannt ist.

Unter dem Strich funktioniert das alles doch sehr gut, zumal hervorragende Akteure am Start sind. Die Medea gibt es gleich dreifach – von der vielleicht etwas gar zu lieblichen Vanessa Loibl wechselt der Stab zur resoluteren Carolin Haupt, bevor dann die phänomenale Katja Gaudard alle Klischees der rachsüchtigen Furie vermeidet und unnachahmlich Überhitzung mit Eiseskälte mischt.

Donnernder Applaus für einen überzeugenden Einstieg in die neue Spielzeit.

Von Jörg Worat