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Kultur Ein Abend mit Klassik und viel Spaß
Weltgeschehen Kultur Ein Abend mit Klassik und viel Spaß
11:22 13.09.2016
Im ausverkauften Kuppelsaalin Hannover erlebten die Besucher die „Night of the Proms“ mit der NDR Radiophilharmonie unter Chefdirigent Andrew Manze. - Sopranistin Angel Blue (kleines Foto) überzeugte mit einem geerdeten Timbre in der Stimme. Quelle: Michael Uphoff (2)
Hannover

Nun also die Neuauflage, und wieder zählte einzig das große Format: Rund 3500 Besucher im ausverkauften Kuppelsaal, weitere Tausende bei der Live-Übertragung in den angrenzenden Stadtpark. Der letzte Konzertteil wurde live im Fernsehen gebracht, unmittelbar vor der „Last Night of the Proms“ aus der Londoner Royal Albert Hall.

Das diesjährige Motto „Stars and Stripes” machte deutlich, wohin die Reise gehen würde. Gar zu extravagant darf ein solches US-Programm natürlich nicht sein, doch neben sicheren Bringern wie Leonard Bernsteins „Mambo“ oder „Stars and Stripes Forever“ von John Philip Sousa gab es auch den einen oder anderen Exoten wie John Adams’ temperamentvollen „Short Ride in a Fast Machine“. Außerdem ist Chefdirigent Andrew Manze in der Lage, vermeintlich totgespielten Stücken neues Leben einzuhauchen; ein wunderbares Beispiel dafür war die bewegende Version von Samuel Barbers Streicher-Adagio. Wunderbar auch die Moderation von Manze: Dieser Feingeist ist kein Animateur im üblichen Sinne, aber mit seiner Mischung aus Charme und Kauzigkeit findet er doch immer einen Weg zum Publikum.

Ursprünglich war Starschlagzeuger Martin Grubinger als Solist vorgesehen gewesen. Nach dessen Absage sprang Pianist Makoto Ozone ein, der renommierte Grenzgänger zwischen Klassik und Jazz bot einen ebenso eigenwilligen wie anstrengenden Zugriff auf George Gershwins „Rhapsody in Blue“. Dem zweiten Gast, Sopranistin Angel Blue, wurde vorab in einem naheliegenden Wortspiel eine engelsgleiche Stimme angedichtet, glücklicherweise zu Unrecht, denn gerade das geerdete Timbre machte die Interpretation etwa von „Summertime“ so angenehm. Auch das Zusammenwirken von Blue und Ozone bei „My Funny Valentine“ geriet sehr atmosphärisch.

Eines ist zwar unamerikanisch, darf aber bei einem „Proms“-Konzert niemals fehlen: „Pomp and Circumstance“ des Briten Edward Elgar. Zudem pflegt das Publikum dabei mitzusingen und Fähnchen zu schwenken – dass die hierfür bereitgelegten mit den Europasternen bedruckt waren, entbehrt nicht einer gewissen Delikatesse. Es war ein ausdrücklicher Wunsch von Andrew Manze gewesen, der nie ein Hehl daraus gemacht hat, wie unglücklich er mit dem Brexit in seinem Heimatland ist.

Aber ohnehin scheint am wichtigsten zu sein, dass überhaupt etwas zum Schwenken da ist: Auch Angel Blue wedelte freudig mit dem Europafähnchen herum, während sie „God Bless America“ sang. Ein Abend, der letztlich mehr Event als Klassikkonzert war – der indes vielen Menschen viel Spaß gemacht hat.

Von Jörg Worat