Menü
Cellesche Zeitung | Ihre Zeitung aus Celle
Kultur Ein Sängerphänomen zu Gast in Hannover: der 93-jährige Franz Mazura
Weltgeschehen Kultur Ein Sängerphänomen zu Gast in Hannover: der 93-jährige Franz Mazura
13:58 29.09.2017
Franz Mazura spielt in „Lot“ die Rolle des Abraham, hier nebenRenate Behle als Sara. Quelle: Joerg Landsberg
Hannover

Es war bei ihm immer zweitrangig, wie groß seine Rollen waren. Denn er hat es regelmäßig geschafft, durch seine musikalische Gestaltung, szenische Darstellung und enorme Präsenz so glaubwürdige Figuren auf die Bühne zu bringen, dass er selbst mit kleinsten Rollen große Wirkung beim Publikum erzielen konnte. In großen Rollen wie den „Parsifal“-Figuren Gurnemanz und Klingsor, seinem Moses aus Schönbergs „Moses und Aron“, der Titelrolle in Aribert Reimanns „Lear“ oder dem Schigolch in Alban Bergs „Lulu“ war er weltweit bekannt.

In den letzten Jahren hat Mazura immer wieder an der Staatsoper Hannover gastiert: Letzte Saison sang er in „Lot“ von Giorgio Battistelli. Zurzeit tritt er hier in der großen, aber stummen Rolle als alter Lord in „Der junge Lord“ von Hans Werner Henze auf.

Angefangen hat alles mit mit einer Schauspielausbildung in Detmold, wo Mazura auch erste Schauspielauftritte hatte. Es folgte ein erstes Opernengagement am Braunschweiger Staatstheater. Dort schätzte er das Arbeiten mit Regisseur Wolf Völker. „Mit ihm habe ich meinen ersten, prägenden „Parsifal“ gemacht, den der Intendant dort durch das ganze Abonnement gezogen hat. So was ist heute fast unvorstellbar.“ Da hört man durch, was sich aus Mazuras Sicht inzwischen geändert hat in der Opernwelt. „Es wird heute musikalisch zu wenig geprobt, dafür szenisch viel mehr, aber oftmals nur deshalb so lange, weil viele Regisseure nicht mit klaren Vorstellungen in die erste Probe kommen. Damals war es selbstverständlich, dass man musikalisch fertig geprobt zu den szenischen Proben erschien. Bei den guten Regisseuren, mit denen ich arbeiten konnte, da fing die Arbeit erst da an, wo sie heute oft schon aufhört.“

Mazuras Karriere fand seine stabile Basis am Nationaltheater Mannheim, wo er fast alle großen Rollen sang. Selbst nach seiner Zeit als Ensemblemitglied, als er Engagements zwischen Bayreuth, Paris und New York wahrnahm, war er immer wieder in Mannheim zu erleben.

Auch wenn er von den großen Bühnen erzählt, bleibt Mazura bescheiden. Er sieht sich als ein Medium, durch das die großen Werke des Musiktheaters zum Leben erweckt werden. Darum ist es ihm auch wichtig, dass Regisseure „immer das vorgegebene Werk im Auge behalten und nicht nur eine eigene Idee über ein Stück drüber stülpen. Da hat sich leider in den letzten Jahrzehnten einiges zum Negativen verändert“, findet er. „Viele Regisseure haben keinen Respekt mehr vor dem Werk.“

Das sagt jemand, der mit manch modernem Regisseur an großen Rollenporträts gearbeitet hat. Es sei nur Patrice Chereau genannt, der Regisseur des seinerzeit revolutionären Bayreuther Jubiläums-„Rings“. „Das war eine unglaublich intensive und von Intelligenz und Musikalität geprägte Zusammenarbeit, wie man sie nicht so oft erleben kann.“

Franz Mazura ist ein Sänger besonderer Art gewesen. Ihm ist es nie um den reinen Schönklang gegangen, sondern um Wahrhaftigkeit im Ausdruck: „Wie kann man die letzte Szene des gebrochenen Lears glaubwürdiger gestalten als mit einer brechenden, ins Fahle kippenden Stimme.“

In zwei Jahren wird er noch einmal in den Berliner „Meistersingern“ unter Daniel Barenboim auf der Bühne stehen. Er redet trotz seiner Alters nicht im Konjunktiv. Letztes Jahr ist seine Tante gestorben: Die war 106 Jahre alt. Jetzt will er erst noch einmal zum Essen gehen vor der Vorstellung.

Am Theater-Eingang winkt ihm ein kleiner Junge zu. „Hallo, Franz!“, ruft er. Man kennt sich aus „Lot“. Heute aber freut sich Mazura noch auf „Der junge Lord“. Er ist noch zwei Mal in diesem Stück in Hannover zu erleben: Am 4. und 19. Oktober.

Von Reinald Hanke