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Kultur Einfühlsam und klar: Truls Mørk trifft richtigen Ton
Weltgeschehen Kultur Einfühlsam und klar: Truls Mørk trifft richtigen Ton
18:06 28.04.2013
Hannover

Chefdirigent Eivind Gullberg Jensen hat bekanntlich eine gewisse Vorliebe für Solisten aus seiner skandinavischen Heimat. Diesmal hatte er den norwegischen Landsmann Truls Mørk eingeladen, unter dessen Auszeichnungen sich Hochkaräter wie ein Grammy und ein Cannes Music Award befinden. Der Cellist trat mit einem ungewöhnlichen Programm auf, sind doch die beiden Cellokonzerte von Camille Saint-Saëns selten zusammen zu hören.

Anders als etwa die Kollegin Sol Gabetta hat Mørk keinen strahlenden, nicht einmal einen sonderlich singenden Ton. Das klingt dann nicht unbedingt aufregend, aber einfühlsam und sehr klar, was gerade den an diesem Abend angesagten Werken sehr gut bekommt. Zumal der Cellist zu differenzieren wusste: Die beiden im Abstand von 30 Jahren entstandenen Konzerte brauchen schon einen unterschiedlichen Zugriff, und beim zweiten riskierte Mørk dann auch mehr, setzte auf größere Spannung, hier und da sogar ein wenig auf Kosten der Sauberkeit. Zum Höhepunkt wurde die berühmt-berüchtigte Kadenz, und als Zugabe wählte der Solist eine gefällige Nummer – begleitet von Harfe und Klavier, intonierte er den „Schwan“ aus Saint-Saëns’ „Karneval der Tiere“.

Auch nach der Pause ging es um Geflügel, aber so brav blieb es nicht: Strawinskys „Feuervogel“ ist doch ein etwas anderes Kaliber. Gullberg Jensen trieb den Spannungsaufbau so weit, dass der erste Teil über aller sorgsamen Ausdifferenzierung etwas akademisch zu werden drohte, bekam dann aber zusammen mit dem Orchester noch rechtzeitig die Kurve. Und zwar in der Form, dass die große Steigerung nicht einfach nur laut ausfiel, sondern hochdynamisch, mit konzentriertem Spiel aller Instrumentalgruppen vom Blech bis zur Perkussion. Die Publikumsreaktion ließ nicht lange auf sich warten: stürmischer Applaus, durchsetzt mit einigen Bravos. Wenn Gullberg Jensen so weitermacht, legt er die Messlatte für seinen Nachfolger Andrew Manze, ab der übernächsten Saison neuer Chefdirigent der NDR Radiophilharmonie, sehr hoch.

Von Jörg Worat