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Kultur Energetisches Pulsieren und zarte Passagen
Weltgeschehen Kultur Energetisches Pulsieren und zarte Passagen
12:12 28.02.2014
Hannover

Manchmal ist weniger wirklich mehr. Beim 6. Ring-A-Konzert der Radiophilharmonie im Großen Sendesaal sollten ursprünglich drei Werke erklingen, doch dass Anton Weberns „Fünf Stücke für Orchester“ wegfielen, bekam dem Abend durchaus gut – was gar nichts mit der Qualität dieser Komposition zu tun hat, sondern einzig und allein mit der Konzertdramaturgie.

Denn das Publikum bekam auch so schon genug auf die Mütze. Vor allem zu Beginn, als die Uraufführung „Rot …“ von Markus Lehmann-Horn angesagt war, ein Werk für Percussion und Orchester. Schlagzeugstar Martin Grubinger hatte zwar aus terminlichen Gründen abgesagt, aber der Kollege Alexej Gerassimez wirkte keineswegs nur wie ein Ersatzmann, sondern überzeugte durchgehend mit Engagement, Präzision und Disziplin.

All das brauchte er auch, ist die Komposition doch tatsächlich so facettenreich wie die titelgebende Farbe, die ja ebenso für die Liebe stehen kann wie für den Kampf oder das Feuer. Lehmann-Horn hat glücklicherweise keinen effekthascherischen Wirbelsturm angerichtet, sondern manch zarte Passage eingebaut und Wert darauf gelegt, dass das Percussion-Arsenal neben den rhythmischen auch melodische Qualitäten entfalten kann. Zudem ist das Orchester hier nicht nur zu einer Statistenrolle verdammt und darf im wahrsten Sinne des Wortes mitspielen – was um so spannender wurde, als Gerassimez keinerlei Ambitionen an den Tag legte, die Aufmerksamkeit unangemessen auf die eigene Person zu lenken. Die Kommunikation mit den Schlagwerkern im Orchester, aber auch etwa mit den Bläsern, klappte daher ausgezeichnet, und Chefdirigent Eivind Gullberg Jensen behielt stets den Überblick im komplexen Geschehen.

Diese Musik zu beschreiben, fällt nicht ganz leicht. Im ersten Teil mit seinem energetischen Pulsieren erinnerte sie noch am ehesten an eine Art Jazz, als hätte eine leicht übergeschnappte Big Band ihrem Trommler freie Hand gelassen, sich an Instrumenten vom Vibrafon über die Röhrenglocken bis zu den Woodblocks auszuagieren. Später kamen auch klassische Momente ins Spiel, vereinzelt sogar mit einem Hauch von Romantik, und am Schluss durfte Gerassimez am traditionellen Drumset losfetzen, ohne dass dadurch allerdings die Feinstruktur auf der Strecke geblieben wäre. Eine effektvolle, aber durchdachte Komposition, die gute Chancen hat, dem Schicksal so vieler Werke in der Neuen Musik zu entgehen, nämlich nach der Uraufführung auf Nimmerwiederhören in den Archiven zu verschwinden.

Das Publikum jubelte lautstark und wollte natürlich eine Zugabe. Gerassimez wählte dafür eine Eigenkomposition für eine einzelne kleine Trommel, arbeitete mit Stock, Schlegel oder Jazzbesen, auch schon mal mit allem zugleich, und erzeugte so zwar interessante bis virtuose Klangmuster, aber keine nachhaltig wirkende Musik. Etwas schade – viel Beifall gab’s trotzdem,

Nach der Pause ging’s mit „Ein Heldenleben“ von Richard Strauss in die Vollen. Gullberg Jensen und die Radiophilharmonie haben inzwischen große Meisterschaft bei derart üppigen Klanglandschaften erreicht, und zu tadeln gab’s denn auch nicht viel – womöglich hätten aber zwischendurch ein paar etwas sprödere Töne der Sache gut getan, lief das Publikum so doch Gefahr, sich gar zu bereitwillig in die Schwelgerei hineinfallen zu lassen. Doch das ist schon Klagen auf ziemlich hohem Niveau: Der kräftige Schlussbeifall war durchaus berechtigt.

Von Jörg Worat