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Kultur Extra für Elbphilharmonie geschriebenes Oratorium „Arche“ von Jörg Widmann begeistert
Weltgeschehen Kultur Extra für Elbphilharmonie geschriebenes Oratorium „Arche“ von Jörg Widmann begeistert
21:21 17.01.2017
Hamburg

Widmann nutzte die spezifischen Möglichkeiten dieses mit wenigen Einschränkungen wunderbar klingenden und einzigartig anzuschauenden Raums in seinem Oratorium optimal aus. Und Nagano zeigte einmal mehr, dass er ein Mann ist, der es im Konzertsaal wie selbstverständlich und auch mit einer gewissen Gelassenheit schafft, größte Apparate zu führen.

110 Orchestermusiker, drei Chöre, zwei Gesangssolisten, zwei Kinder als Sprecher, zwei Pianisten und eine Organistin, dieser Riesenapparat musste an diesem Abend bei einer erstmals aufgeführten, höchst anspruchsvollen Komposition zusammengefügt werden zu einem atmenden musikalischen Ganzen: Es gelang grandios. Das lag natürlich nicht nur am Dirigenten Nagano, sondern auch an der Komposition Widmanns, die ungemein vielschichtig erschien.

Widmann hat in diesem Stück die in seiner Oper „Babylon“ erprobte und auch dort sehr beeindruckende Art des Komponierens weiter entwickelt. Er schreibt in seinen groß besetzten Werken nicht nur in der Art und Weise wie man es aus seinen sehr experimentell und avantgardistisch wirkenden Kammermusikwerken kennt. Er schöpft in Werken wie seinem Violakonzert, seiner gleichfalls von Nagano uraufgeführten Oper und dem neuen Oratorium aus dem großen Fundus der Musikgeschichte und integriert immer wieder, manchmal dabei ein wenig an die Techniken Luciano Berios erinnernd, Stilzitate oder auch verfälschte konkrete Musikzitate in seine Komposition.

Diese historischen Musiken werden aber nie einfach zitiert, sondern fein eingewoben in ein komplexes musikalisches Netz und dabei verändert. Es entsteht so eine neue Variante postmodernen Komponierens ähnlich der Art wie es der zuletzt in Hamburg gelebt habende Alfred Schnittke praktiziert hat. Beethovens Chorfantasie-Finale wird integriert, ein Lied in Schubert-Manier, ein Duett wie aus einer Strauß- oder Lehar-Operette, aber natürlich auch stilistische Anleihen bei Schumann, Brahms und Mahler genommen. Es entstand letztlich ein Stück, das die biblische Geschichte um die „Arche Noah“ weitgehend aus Kindersicht beschreibt und in eine Musik fasst, die in der Mittel manchmal zwar vielleicht ein wenig langatmig, aber von einer so großen Suggestivkraft ist, dass sogar das auch weniger mit Neuer Musik vertraute Publikum das Besondere dieser Musik wahrnahm.

Dieses Werk sollte unbedingt regelmäßig in Hamburg aufgeführt werden. Es würde sich jede Anreise lohnen, auch wenn man die akustischen Probleme des Raumes mit Solosängern vor dem Orchester vielleicht auch in Zukunft nicht ganz wird beheben können.

Von Reinald Hanke