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Kultur Faszinierende Klangwelten bei Neujahrskonzert des "Neuen Ensembles" in Hannover
Weltgeschehen Kultur Faszinierende Klangwelten bei Neujahrskonzert des "Neuen Ensembles" in Hannover
16:18 02.01.2017
Hannover

Der traditionelle Untertitel „À la Valentin“ bezieht sich auf den hintersinnigen Wunsch des Komikers, bei einem Klassikkonzert solle von Zeit zu Zeit „ein zünftiger Marsch oder Glühwürmchen-Idyll zur Erholung des kleinen Mannes“ erklingen. Sicherlich hatte Karl Valentin dabei nicht an Mauricio Kagels „Märsche den Sieg zu verfehlen“ gedacht, von denen das „Neue Ensemble“ zum Jahresauftakt immer ein paar im Gepäck hat und die sich zum Marschieren nun gerade überhaupt nicht eignen: Zuweilen entgleiten die Stücke ins polyrhythmische Nirwana, setzen unvermittelt neu an oder irritieren mit betont unausgewogener Instrumentierung. Doch, Neue Musik kann auch humorvoll sein.

Auf den Rest des Programms traf das allerdings nicht zu. Dafür bestach „La luna, la nube y el ojo“ des argentinisch-französischen Komponisten Ricardo Nillni durch eindringliche Atmosphäre und feine Abstufung der Klangnuancen – das Stück soll durch die gruslige Prolog-Szene des surrealistischen Filmklassikers „Ein andalusischer Hund“ inspiriert sein.

Auch Nillnis griechischer Kollege Nicolas Tzortzis bezieht sich mit seinem Stück „L’Étoile de mer“ auf bewegte Bilder aus dem Kreis der Surrealisten, nämlich auf den gleichnamigen Man-Ray-Streifen. Das Quintett kann mit der Projektion aufgeführt werden, was jedoch keine Bedingung darstellt. Wie man im Internet überprüfen kann, eröffnet das Zusammenspiel von Bild und Ton in der Tat zusätzliche Ebenen, während der reine Musikvortrag in der Kestnergesellschaft etwas anstrengend geriet. Ohne deswegen aber reizlos zu werden: Zu interessanten Sounds von Bassflöte und Bassklarinette gesellte sich im weiteren Verlauf etwa ein kraftvoll vorwärtsstrebendes Cello.

Der regelmäßig und nicht immer zu Unrecht geäußerte Vorwurf, Neue Musik habe einen Hang zur Beliebigkeit, wurde hier über weite Strecken entkräftet. Im Gegensatz zu Nillnis „Wipe, boom, wipe“ nach der Pause, als man auf greifbare Bezugspunkte wie eine elegische Passage der Viola doch gar zu lang warten musste.

Gleichwohl lud dieses Konzert einmal mehr zur verstärkten Beschäftigung mit Klangwelten jenseits der üblichen Melodienseligkeit ein. Und Stephan Meier, Leiter des „Neuen Ensembles“, konnte in seiner gewohnt kauzigen Neujahrsansprache unter anderem deutlich machen, welch ausgezeichneten Ruf seine Gruppe inzwischen auch international genießt: 2017 soll ein Auftragswerk des renommierten britischen Komponisten Sir Harrison Birtwistle zur Uraufführung kommen.

Von Jörg Worat