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Kultur Festival Theaterformen in Hannover zeigt "Tristesses"
Weltgeschehen Kultur Festival Theaterformen in Hannover zeigt "Tristesses"
15:24 09.06.2017
Das Stück der Belgierin Anne-Cécile Vandalem „Tristesses“ sorgte im Schauspielhaus Hannoverfür einen bemerkenswerten Auftakt des Festivals „Theaterformen“. Quelle: Christophe Engels
Hannover

Die Geschichte eines Niedergangs: Nach der Schließung des örtlichen Schlachthofs sind auf der dänischen Insel Tristesses nurmehr acht kauzige Bewohner zurückgeblieben. Diese Zahl reduziert sich allerdings gleich zu Beginn auf sieben, weil Mutter Heiger erhängt aufgefunden wird. Deren zwielichtige Tochter Martha, Führerin einer ultrarechten Partei, setzt auf das Eiland über und setzt eine Kette von Enthüllungen in Gang, die fatal endet.

Das klingt nach Krimi und nach Polittheater – beides ist es in der Tat, zugleich aber auch ein Schauerstück, denn die Toten der Insel wandern zombiemäßig umher, meistens, wenngleich nicht immer unbemerkt von den Lebenden, und machen vor allem gern Musik. Es verwundert kaum noch, dass der Abend auch komödiantische Elemente bietet, etwa bei den skurrilen Entgleisungen während der Trauerfeier. Naturalismus ist nur bedingt angesagt, Schüsse werden beispielsweise deutlich sichtbar durch das Schlagzeug simuliert.

Im Bühnenbild sind mehrere Häuschen aufgebaut, und sobald sich die Handlung in deren Inneres verlagert, übertragen Live-Videos das dortige Geschehen. Ein vielschichtiger Abend ist dies also sowohl inhaltlich als auch formal, und dennoch kann er nicht vollends überzeugen. Multitalent Anne-Cécile Vandalem hat nicht nur den Text geschrieben und Regie geführt, sondern spielt auch noch die Martha, und vielleicht ist ihr bei dieser Vielfachbelastung die Dramaturgie ein wenig aus dem Blickfeld geraten. Denn über rund 130 pausenlose Minuten trägt diese fraglos spezielle Stilistik dann doch nicht, und der abschließende Plot wirkt eher grob.

Wenigstens gibt es überhaupt einen, und Vandalem nimmt ihre Figuren, seien sie noch schräg, letztlich ernst – zu Ende erzählte Geschichten ohne ironische Brechungen sind ja im Schauspiel mittlerweile fast schon die Ausnahme. Auch scheint es gewiss nicht abwegig, diese Inszenierung bei einem Festival vorzustellen, das „Theaterformen“ heißt und vor allem ungewöhnlichen Aufführungs-Ansätzen nachspüren soll. Etwas pointierter könnte die Sache indes schon sein.Vielleicht ist das bei den kommenden Programmpunkten der Fall.

Von Jörg Worat