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Kultur Fotoausstellung von Andreas Mühe löst Irritationen aus
Weltgeschehen Kultur Fotoausstellung von Andreas Mühe löst Irritationen aus
13:25 19.07.2017
Andreas Mühe: Jagdhaus Honecker, 2016aus der Serie: Jagd © VG Bildkunst Bonn 2017. Pressebild zur Ausstellung „Andreas Mühe - Pathos als Distanz“, Deichtorhallen Hamburg/Haus der Photographie. 18 Mai - 20 August 2017 - Andreas Mühe: Jagdhaus Honecker, 2016 aus der Serie: Jagd © VG Bildkunst Bonn 2017 Quelle: Andreas Mühe
Hamburg

Wie dem auch sei, der Eindruck, der Ausstellungsaufbau Marke Waldeslust bediene die heimelige Seite des deutschen Gemüts, verfliegt schnell. So zeigen die auf dem Boden installierten Lichtkästen zwar Bilder mit wunderbaren Hell-Dunkel-Kon-trasten, doch wirkliche Begeisterung will angesichts der Motive nicht aufkommen – es handelt sich um frisch geschossenes Jagdwild.

Irritationen lösen auch die Wandarbeiten aus. In üppiger Petersburger Hängung türmen sich da großformatige Aufnahmen aus den unterschiedlichsten Serien: Das können Thilo Sarrazin in seinem Büro oder Egon Krenz in einer Kleingarten-Idylle sein, das „Wunderpferd“ Totilas oder das „Jagdhaus Honecker“. Oder Naturszenarien, die an Caspar David Friedrich erinnern, jedoch gern eine offenbar nackte Figur enthalten. Oder einen schneidigen Typen in Nazi-Uniform. Oder eine Aufbahrungs-Szene. Oder Helmut Kohl. Oder Angela Merkel.

Durch seine Aufnahmen von der Kanzlerin ist Mühes Bekanntheitsgrad ohnehin besonders gewachsen. Für ihn Grund genug, die Erwartungshaltung der Betrachter zu unterlaufen und schon mal ein Motiv zu präsentieren, das Angela Merkel in der Rückenansicht sinnierend beim Blick aus dem Autofenster zu zeigen scheint – tatsächlich handelte es sich um die entsprechend zurecht gemachte Mutter des Fotografen.

Die Überwältigungsstrategie im Hauptraum der Hamburger Ausstellung wird durch einige Abzweigungen in kleinere Abteilungen je nach Sichtweise entweder gebrochen oder womöglich noch verstärkt. Befremdliche Eindrücke sind hier zumindest ebenfalls nicht ausgeschlossen, wenn etwa ein glamouröses Bild vom Empfang beim italienischen Botschafter unweit entfernt von einer Aufnahme präsentiert wird, die am Filmset eines Porno-Streifens entstanden ist.

In technischer Hinsicht sind sämtliche Fotografien bestechend, zumal Mühe sich nach wie vor zur analogen Großbildkamera bekennt. Bei längerem Verweilen strahlt seine Ausstellung allerdings eine gewisse Penetranz aus, und ihr Titel „Pathos als Distanz“ hat insofern etwas Ärgerliches, als dieses Prinzip auch ohne nachhaltige Betonung deutlich werden sollte.

Daher war es eine sehr kluge Entscheidung, eine zweite Fotoschau in die Deichtorhallen zu bringen: Die Bilder der Niederländerin Viviane Sassen, auch sie in der Szene ein durchaus prominenter Name, lenken mit ihrer Balance zwischen Körperlichkeit und Abstraktion den Blick in andere Gefilde – äußerst erholsam, denn Pathos, ob nun distanziert oder nicht, bleibt nun einmal Pathos.

Von Jörg Worat