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Kultur Frauengestalten sind zentrales Motiv
Weltgeschehen Kultur Frauengestalten sind zentrales Motiv
12:36 17.03.2017
Hannover

Das grenzt an Überforderung, und die hat einen guten Grund: Dem Werk der Belgierin Anne-Mie Van Kerckhoven, geboren 1951, wird man nur mit derartig üppigem Zugriff gerecht. Die Retrospektive „What Would I Do in Orbit?“ umfasst vier Jahrzehnte und zeigt, dass Grenzen für diese Künstlerin stets zum Überschreiten da waren. Der Zeitpunkt der Präsentation ist kein Zufall, steht doch die hannoversche Computermesse CeBIT vor der Tür, und der Kunstverein pflegt fast schon traditionell parallel die digitalen Welten zu thematisieren. Bislang in Gruppenausstellungen: „Diesmal habe ich nach einer Einzelposition gesucht“, erläutert Kathleen Rahn, die Direktorin des Hauses. Und die Wahl fiel auf Van Kerckhoven, die zwar ursprünglich von der Zeichnung kommt, aber schon früh den Reiz des Schaffens am Computer entdeckt hat: „Zu einer Zeit, als die noch so groß waren wie ein ganzer Raum“, sagt sie.

In dieser Ausstellung gibt es kaum etwas, was es nicht gibt. Mal haben die Arbeiten ausgeprägte Schriftelemente und wirken recht intellektuell, mal scheinen große Figuren in einer Art Punk-Ästhetik den Betrachter nachgerade anzuspringen, mal wirken Bilder wie aus einem skurrilen Traum entsprungen und driften geradewegs in surrealistische Gefilde.

Ein zentrales Motiv sind Frauengestalten. Die Künstlerin zeigt eine Spielart von Feminismus, die auch Darstellungen der eigenen Person einbindet und auf Erfahrungen beruht: „In meiner Familie spielten Frauen eine wichtige Rolle: Schwester, Tanten, Großmutter. Aber in der Kunstwelt galten sie auf einmal als minderwertig.“ Gleichzeitig betont Van Kerckhoven das Prinzip der Dualität, das auch formal immer wieder in ihren Arbeiten durchscheint: „Schwarz und weiß, gut und böse, Mann und Frau. Es gehört zusammen, und in der asiatischen Philosophie findet man die Trennung dieser Bereiche viel weniger.“

Fraglos interessante Gedanken, ebenso fraglos wird der Besucher hier nicht über Reizmangel klagen können. Allerdings besteht die Gefahr, dass man sich in alles Mögliche erst einmal kräftig einarbeiten muss – es wird sich etwa kaum unmittelbar erschließen, dass die Künstlerin in manchen Arbeiten einen ungewöhnlichen Trialog anstrebt, nämlich zwischen Marguerite Porète, einer 1310 wegen Ketzerei hingerichteten Mystikerin, dem Universalgelehrten Giordano Bruno, der ebenfalls auf dem Scheiterhaufen endete, und Herbert Marcuse, dem Philosophen aus dem 20. Jahrhundert.

Von Jörg Worat