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Kultur Genussmusik freien Lauf gelassen
Weltgeschehen Kultur Genussmusik freien Lauf gelassen
12:57 28.01.2014
Das Privatorchester „musica assoluta“ des aus Celle stammenden Thorsten Encke hatte - den international hoch gehandelten Geiger Benjamin Schmidt zu Gast. Quelle: Eric Bernd Artelt
Hannover

Benjamin Schmid zu Gast beim hannoverschen Orchester „musica assoluta“, da staunte man nicht schlecht, dass dieser international so hoch gehandelte Geiger, der seltsamerweise allerdings in Deutschland weniger bekannt ist, den Weg zu diesem so ambitionierten Privatorchester des aus Celle stammenden Thorsten Encke fand. Auch im Konzert durfte man weiter staunen, denn das Programm hielt fast durchgehend was es versprach. Und es versprach eine ganze Menge: ein Bläserschmankerl der genussreichen Art, eine Violinkonzertrarität aus den Zwanziger Jahren und schließlich noch Jazz als Nachschlag im Foyer der Herrenhäuser Galerie, in der das Hauptkonzert stattfand. Vorab gab es noch die bei diesem Orchester schon traditionelle Carte Blanche, eine Einstimmung aufs Konzert auf jeweils ganz unterschiedliche, geheim gehaltene Art.

Dieses Mal stand die Carte Blanche unter dem Motto „Tanz“, was keinen rechten oder nachvollziehbaren Zusammenhang mit dem Konzert selbst ergab, aber durchaus reizvoll war. Man hörte dezente Hintergrundklänge zu einer fotografischen Bilderfolge mit einer ungemein dynamisch tanzenden Frau und Textausschnitten von Rainer Maria Rilke. Wäre das eine sinnliche Einführung zu Weills Liederzyklus „Frauentanz“ gewesen, so hätte das einen Sinn gemacht, so jedoch wirkte die Sache beliebig. Aber das war auch schon das einzig Wesentliche, was es an diesem Konzert zu kritisieren gab, auch wenn „musica assoluta“ bei der anfangs gespielten Dvorak-Serenade manchmal noch in sich etwas wackelte. Als Ganzes gelang das Stück bestens. Encke ließ der Lust an dieser Musik freien Lauf und hielt hervorragend den Spannungsbogen vom ersten bis zum letzten Ton.

Und dann Benjamin Schmid mit Kurt Weills Violinkonzert. Wunderbar formulierte „musica assoluta“ die ersten Klänge aus, ließ den raffinierten Bläsersatz atmen und bot damit Schmid einen Klangraum für sein großartiges, weil bis ins Detail durchgestaltetes Spiel. Schmid spielte nicht auf einen schönen Ton hin, obgleich er einen solchen auf seiner Geige sehr wohl beherrscht und diesen auch immer wieder gezielt einsetzt, sondern richtete sein Ohrenmerk ganz auf musikalische Wahrhaftigkeit. Damit wird er dem Stück auf ideale Weise gerecht. Wie Schmid sich dem Steigerungskreislauf des Schlusssatzes geradezu ausliefert, aber letztlich eben doch immer alles unter Kontrolle behält, das war schon sehr beeindruckend. Dass er danach noch, teilweise mit seinen Wiener Partnern und teilweise mit Musikern von „musica assoluta“, mit Jazzklängen beeindruckte, das rundete den Abend annähernd perfekt ab.

Wenn es noch eine gute Bewirtung dazu gegeben hätte statt überteuerter Brötchen auf Pappdeckeln, so wäre die Sache schon fast zu gut gewesen um wahr zu sein. Und übrigens: Im Publikum waren, anders als in anderen Reihen, alle Altersgruppen gleichmäßig vertreten. Eine tolle Atmosphäre.

Von Reinald Hanke