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Kultur „Gesualdo“ – Musiktheaterstück geht tief unter die Haut
Weltgeschehen Kultur „Gesualdo“ – Musiktheaterstück geht tief unter die Haut
15:22 18.01.2017
Hamburg

Und in der Tat: Der Abend ging unter die Haut. Und das nicht nur, weil die Musik dieses 1566 geborenen Komponisten mit der rätselhaften und in Teilen erschreckenden Biografie eines vermeintlichen Mehrfachmörders selbst für heutige Ohren noch ungewohnt dissonanzenreich und modern wirkt, sondern auch, weil Regisseur Bieito die schmerzensreichen Klänge der verwendeten 14 Musikstücke von Gesualdo fiktiv biografisch verwendete, um eine stumme Gesualdo-Figur als einen an sich und seinem Umfeld leidenden Menschen zu zeichnen.

Zunächst ließ er diese Figur, die offiziell keinen Namen trägt, auf dem von zwei Seiten mit jeweils drei Publikumsreihen umstellten, lang gestreckten Bühnenraum auf dem Boden zusammengekauert liegen. Man nahm dieses Häufchen Mensch erst gar nicht recht wahr. Kein Muskel bewegte sich. Man konnte denken, dass es sich hier um eine Skulptur in der Tradition Rodins handeln würde. Die sieben Sängerinnen und Sänger bewegten sich in eher künstlicher Weise um die Figur herum bis irgendwann eine Aktion irritierte. Jeder streute ein wenig Erde auf die Figur als ob man sich bei einer Beerdigung befände. Doch hier löste diese Aktion eine im wahrsten Sinne des Wortes genau so zu nennende Wiederauferstehung aus.

Die von Kai Teschner ungemein intensiv und konzentriert gespielte stumme Figur erhob sich und wurde nun zu einem Sinnbild für einen Menschen, der nur als Opfer existiert. Man kratzte der Figur tiefe Blutspuren in die Haut. Man zeigte ihr Verachtung auf immer wieder sich ändernder Weise. Und immer wieder tat man dieser Figur Gewalt an. Es wurde schnell klar: Bieito will den historischen Gesualdo auf der Bühne so zeigen, dass er selbst als ein Mensch erscheint, dem übel mitgespielt wurde. Klarer wird die Inszenierung nicht. Sind mit diesen sieben Figuren seine Freunde und Verwandte gemeint, unter anderem auch seine erste Frau mit ihrem Liebhaber, die möglicherweise beide von Gesualdo erschlagen wurden? Die Inhalte der verwendeten Madrigale unterstreichen aber eine der vielen naheliegenden, aber nicht beweisbaren Vermutungen über Gesualdo, nämlich diejenige dass dieser in seinen letzten Lebensjahren an starken Depressionen gelitten haben muss.

Auch das bleibt offen in der Aufführung. Man zeigt etwas ohne dass deshalb in irgendeiner Weise eine Identifikation eingefordert würde, weder auf Seiten der Darsteller noch bei den Zuschauern. Und trotzdem gelingt es über die spannungsvolle Einheit von Musik und Szene das Publikum zu packen. Unbedingt erlebenswerte 70 Minuten, wenngleich sicher nicht für jeden verkraftbar.

Von Reinald Hanke