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Kultur Gott des Gemetzels überzeugt
Weltgeschehen Kultur Gott des Gemetzels überzeugt
17:41 15.04.2013
Wolfsburg

Als Steinkamp am Anfang seines Engagements Richard Wagners „Ring“ in einer erlebenswerten Produktion nach Wolfsburg holte, hatte er mehr Ärger als Erfolg. Kein Wunder, dass Steinkamp sehr froh ist, zumindest durch Kooperationen mit Movimentos gelegentlich Aufführungen zu sich holen zu können, die er wegen fehlenden Stammpublikumsinteresses vor Ort sonst kaum realisieren könnte. Von einer solchen Produktion ist zu berichten: eine halbszenische Lesung von Yasmine Rezas Erfolgsstück „Der Gott des Gemetzels“ mit Maria Schrader, Margarita Broich, Samuel Finzi und Wolfram Koch. Der Abend wurde beeindruckend und höchst amüsant, zeigte aber auch, dass gute Schauspieler zwar ohne Regie eine beachtliche Aufführungsqualität erreichen können, wirkliche Höchstleistungen aber ohne den lenkenden Einfluss eines Regisseurs wohl nie zustande kommen werden.

Köstlich brachten die vier Darsteller den simplen Konflikt um die Schuldfrage zweier ausgeschlagener Kinderzähne auf den Punkt, ließen ihn explodieren, machten sich einen Spaß daraus, ihre komödiantische Lust auszuspielen, um damit die Lächerlichkeit bürgerlicher Fassadenwahrung zu demonstrieren. Wunderbar war es, wie immer wieder die szenischen Angaben wie innere Distanzierungen bei Brecht herübergebracht wurden. Beeindruckend, mit welcher Präzision dieses Umschalten klappte. Und dann diese herrlichen Übertreibungen, die immer weiter gesteigert wurden, bis sie gegen Ende ins Unglaubwürdige kippten. Und genau da merkte man dann das Fehlen eines Regisseurs.

Nach gut einer Stunde war das komödiantische Pulver aufgebraucht, weil man zu früh begann, zu steigern. Man versuchte immer noch einen draufzusetzen, was aber naturgemäß nicht mehr klappen konnte. Der dramaturgische Bogen war überspannt. Die Aufmerksamkeit richtete sich nun vorwiegend auf das Schauspielerische, nicht mehr auf den Inhalt des Stückes. Aber zum Glück spielte sich das Schauspielerquartett fast in einen Rausch, so dass man den Abend einfach genießen konnte. Dass „Der Gott des Gemetzels“ ein Stück über zur Schau getragene, in Wirklichkeit nur scheinbare Toleranz ist, kam bestens herüber: eine Aufführung, die ideal zum Festivalmotto Toleranz passte.

Von Reinald Hanke