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Kultur Hamburger Musikfest erfolgreich wiederbelebt
Weltgeschehen Kultur Hamburger Musikfest erfolgreich wiederbelebt
11:39 13.05.2014
Hamburg

Das einzige Hamburger Musikfestival mit Ausstrahlung, das frühere „Hamburger Musikfest“ mit starkem Akzent auf Modernem und Crossover-Projekten, wurde einst kleinherzig beerdigt, als es zu unbequem wurde. Es folgte ein Minifestival über Ostern, „Ostertöne“ genannt, das kaum etabliert auch wieder eingestampft wurde. Nun gibt es dank des rührigen Intendanten der in der Entstehung begriffenen Elbphilharmonie, Christoph Lieben-Seutter, eine Neuauflage des „Musikfestes“. Lieben-Seutter ist es gelungen, die Mehrheit der traditionell eher gegeneinander als miteinander arbeitenden Hamburger Musikveranstalter an einen gemeinsamen Tisch zu bekommen und ein gemeinsames Festival anzubieten.

Das ist zunächst einmal eine positive Sache. Jedoch erweist sie sich auch ein wenig als Augenwischerei. Das Hamburger Musikfest ist nämlich fast nichts anderes als eine Kompilation vieler sowieso stattfindender Konzerte unter einem eigenen Markennamen und mit gemeinsamer Vermarktung. Es gibt sozusagen fünf Wochen Klassik in Hamburg aus einer Hand.

Natürlich: Gastspiele wie die ursprünglich geplanten Abende mit Claudio Abbado oder Anna Netrebko gibt es nicht alle Tage. Gibt es auch nicht, denn der im letzten Jahrzehnt geradezu zum Überdirigenten avancierte Abbado ist vor kurzem gestorben. Und Glamour-Diva Netrebko hat abgesagt. Aber immerhin: Die vier ambitionierten konzertanten Opern sind im Konzertalltag nicht zu schaffen.

Die Eröffnung des Musikfestes kann insgesamt als geglückt angesehen werden. Zunächst spielte das NDR-Sinfonieorchester die 1. Sinfonie von Gustav Mahler in der unbekannten fünfsätzigen Fassung und Pianistin Maria Joao Pires verzauberte mit Mozart. Es folgte ein Gastspiel des Concertgebouw-Orchesters Amsterdam, das sich, wie erwartet, als ein Klangkörper ersten Ranges darstellte. Aber Dirigent Andris Nelsons erwies sich zwar als ein mit unglaublicher Intensität die Musik belebender Interpret, aber vor lauter Hingabe an den musikalischen Moment verliert sich sein Musizieren gerne genau in diesem. So wunderbar viele einzelne Stellen unter Nelsons klingen, so sinnlich er jede Phrase auskostet, es gelingt ihm nicht, Musik als einen Klangprozess erfahrbar zu machen. Und wenn es laut wurde, dann verlor der Klang seine innere Balance. Bei aller bewundernswerter Orchesterbravour: kein nachhaltiger Eindruck.

Eher schon am nächsten Tag beim Pianisten Evgeni Koroliov mit seinem Bach- und Beethoven-Programm. Koroliov wirkt an diesem Abend aber kaum einmal innerlich so frei, wie es seine Aufnahmen dokumentieren. Aber hoppla: Dieses Konzert gehört gar nicht zum Musikfest. Wieso dieses Konzert des stillen Meisterpianisten nicht auch gemeinsam mit dem Festival vermarktet wurde, das blieb unerklärlich. Seltsam zwiespältige Eindrücke.

Von Reinald Hanke