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Kultur Hochdynamisch und ohne nostalgischen Nebel
Weltgeschehen Kultur Hochdynamisch und ohne nostalgischen Nebel
12:05 18.12.2013
Hannover

Die beiden Werke des Abends liegen, was die Entstehungszeit anbelangt, nicht weit auseinander und haben doch sehr unterschiedliche Grundlagen. Während Sergei Rachmaninow die Symphonischen Tänze op. 45, seine letzte Komposition, 1940 im US-amerikanischen Exil schrieb, war Sergei Prokofjew in die Sowjetunion zurückgekehrt, als er 1944 seine 5. Symphonie komponierte – und sich nie sicher sein konnte, welche Reaktionen unter Stalin eintreten würden. Zu seinem Glück erwies sich die Premiere der „Kriegssymphonie“ als erfolgreich.

Rachmaninows Tänze (zu denen sich übrigens nicht immer ganz leicht tanzen ließe) sind von Anspielungen durchzogen, auch auf das eigene Werk. Erinnerungen und Abschiedsgedanken scheinen die Komposition zu dominieren, ohne dass sie darüber in nostalgischem Nebel versinken würde. Tatsächlich ist dies eine hochdynamische und zumindest teilweise originelle Angelegenheit, die der slowenische Gastdirigent Marko Letonja offensichtlich aufmerksam verinnerlicht hatte. Auf Überzeichnungen verzichtete er, allerdings hätten die Bläser beim Part rund um den ungewöhnlichen Einsatz des Altsaxofons zu etwas klarer konturiertem Spiel angeleitet werden können. Zudem kam gegen Ende die eindrucksvolle Schlagwerk-Fraktion ein wenig ins Schleudern, doch über weite Strecken war dies ein sehr disziplinierter Vortrag mit einer Verdichtung in den verschrobenen Walzeranmutungen des 2. Satzes.

Prokofjews 5. Symphonie hat zweifellos martialische Züge, aber Letonja holte hier nicht den Dampfhammer heraus. Er ließ den getragenen Passagen genug Zeit zur Entwicklung und gestaltete die Zuspitzungen angemessen klangmächtig, blieb jedoch diesseits des Grellen und Schrillen. Die Interpretation erforderte vom Publikum eine gewisse Geduld, die offenbar vorhanden war: Der Schlussbeifall ging über die reine Höflichkeit deutlich hinaus.

Von Jörg Worat