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Kultur Improvisationen und ein zerbrochener Taktstock
Weltgeschehen Kultur Improvisationen und ein zerbrochener Taktstock
19:44 16.02.2014
Hannover

Improvisationen erlebt man bei der Aufführung klassischer Musik eher selten. Beim 2. Ring-C-Saisonkonzert der NDR Radiophilharmonie im voll besetzten Großen Sendesaal war das Phänomen jedoch gleich doppelt zu beobachten: Die Eine improvisierte, weil sie’s immer tut, und der Andere, weil er sich spontan dazu genötigt sah.

Gabriela Montero ist eine charismatische Pianistin, allerdings auch eine gewöhnungsbedürftige. Gerade live lässt sie manchmal derart die Muskeln spielen, dass der Vortrag stellenweise fast brutal zu werden droht. Das war auch diesmal zu beobachten, obendrein schien die Solistin zu Beginn von Johannes Brahms’ 1. Klavierkonzert mit den Gedanken eher bei sich als beim Orchester zu sein, das übrigens in der eigenen dynamischen Feinabstimmung durchweg überzeugen konnte. Mit zunehmender Spieldauer kamen die Interpreten allerdings immer besser zusammen, und Montero bewies mit perlenden Läufen und bei Bedarf zartem Anschlag, dass sie die dezenteren Töne sehr wohl beherrscht. Das Finale wurde dann zu einer im besten Sinne mitreißenden Angelegenheit.

Spannung vor der Zugabe, denn Montero ist eine Meisterin der Improvisation und baut eine entsprechende Kostprobe sehr gern in ihre Konzerte ein. Meist arbeitet sie dabei auf Zuruf – in Hannover hat sie schon einmal einen halben Abend in dieser Manier bestritten, und wenn sie ein Grundmotiv nicht kannte, ließ sie sich’s eben vorsingen. Nicht so diesmal: Mit einer sehr klaren Ansprache machte Montero dem Publikum deutlich, dass sie die Zugabe den Opfern der blutigen Straßenkämpfe in ihrem Geburtsland Venezuela widmen wollte. Um daraufhin eine sehnsuchtsvolle Musik zu improvisieren, die wohl kaum jemanden kalt gelassen haben dürfte.

Nach der Pause war skandinavisches Flair angesagt. Der norwegische NDR-Chefdirigent Eivind Gullberg Jensen hatte erst wenige Minuten in der „Lyrischen Suite“ seines Landsmanns Edvard Grieg absolviert, als, warum auch immer, sein Taktstock zu Bruch ging. Dies führte zwangsläufig zu verstärktem Körpereinsatz, was indes der Qualität der Darbietung nicht schadete; ganz im Gegenteil schien das ungewöhnliche Missgeschick alle Beteiligten zu besonderen Glanztaten herauszufordern. In Sachen Klangkultur konnte man sich zumindest keinen schöneren Vortrag wünschen, und es wurde auf angenehmste Weise deutlich, dass lyrisch keineswegs immer nur weich gespült bedeuten muss.

Und wenn zur abschließenden 7. Symphonie von Jean Sibelius nicht viel zu sagen ist – außer dass Gullberg Jensen sich inzwischen einen neuen Taktstock besorgt hatte –, spricht das eher für die Interpretation. Vertragen manche Werke doch gar keine großen Höhen und Tiefen, sondern wirken am besten wie aus einem Guss.

Von Jörg Worat