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Kultur Jeder Ton wird mit Leben erfüllt
Weltgeschehen Kultur Jeder Ton wird mit Leben erfüllt
18:24 22.12.2013
Thomas Hengelbrock Quelle: NDR
Hamburg

Gut gespielter Mozart klingt so, als ob es die leichteste Sache der Welt wäre. Dabei ist Mozart-Spiel eine der größten Herausforderungen, denen sich ein Musiker stellen kann. Und zwar gerade weil hinter einer scheinbar eindeutigen Fassade so viel nicht Eindeutiges und Tiefgründiges der klanglichen Entdeckung harrt. Thomas Hengelbrock, der Chefdirigent des NDR-Sinfonieorchesters in Hamburg, gehört zur Minderheit derjenigen Dirigenten, denen Mozart ein echtes Anliegen ist. Als Musiker, der stark von der „Alte Musik“-Szene geprägt ist, aber offen ist für Musik aller Epochen, ist das auch nicht verwunderlich. Staunenswert ist das Resultat von Hengelbrocks Auseinandersetzung trotzdem, denn er folgt weder den reinen Prinzipien der sogenannten historischen Aufführungspraxis in der Nachfolge Nikolaus Harnoncourts noch den in sich durchaus sehr unterschiedlichen traditionellen Mozart-Interpretationslinien eines Herbert von Karajan, Leonard Bernstein oder Karl Böhm oder deren Nachfolgern.

Hengelbrock lässt in einer großen Besetzung spielen, aber er lässt, hier dann wieder ganz den Vorstellungen der „Alte Musik“-Freaks folgend, fast gar kein Streichertremolo zu. Und er ersetzt die modernen Blechblasinstrumente durch alte Instrumente, die bauartbedingt über keinen in sich einheitlichen Klang in Tiefen-, Mittel- und Höhenlage verfügen. Sie klingen dabei zumeist greller und schärfer, nicht annähernd so abgerundet wie moderne Instrumente. Und vor allem: Sie vermischen sich nicht so gut mit den Streicherklängen. Dass man sich über die Sinnhaftigkeit eines so inkonsequenten oder auch pragmatisch zu nennenden Umgangs mit Besetzungsfragen streiten kann, liegt auf der Hand. Nichtsdestotrotz kann man mit der gewählten Besetzung und den grundlegenden stilistischen Entscheidungen beim Musizieren ganz unterschiedlich gute Resultate erzielen. Und das war in der Hamburger Laeiszhalle zu erleben.

Die Wiedergaben der Es-Dur-Sinfonie und noch mehr der so berühmten g-moll-Sinfonie haben zwiespältige Eindrücke hinterlassen, weil Hengelbrock so schnell spielen ließ, dass viele Raffinessen der Kompositionen kaum zum Tragen kamen. Und vom geradezu mystisch-raunenden g-moll-Anfang und der Steigerung ins Dramatische war leider nichts zu erleben. Aber vor allem stimmte die klangliche Balance zwischen Streichern und Bläsern immer wieder nicht recht. Trotzdem gelangen diese beiden Sinfonien auf einem Niveau, bei dem Zuhören schon eine beeindruckende Sache war, denn jeder Ton war hier mit Leben erfüllt. Jede Phrase wurde dabei in Bezug zum gerade Gehörten und zum gleich Kommenden ausmusiziert. Und trotzdem reichte das nicht immer hundertprozentig präzise Orchesterspiel nur zur Bewunderung, aber nicht zur Begeisterung.

Nach der Pause dann aber wirklich das pure Mozart-Glück. In der Jupiter-Sinfonie wurde jedes Forte zu einer Klang- und Gefühlsexplosion, jede Phrase zu einer singenden melodischen Linie. Und nun hörte man Feinheiten im Zusammenspiel von Streichern und Bläsern, wie sie nur selten zu erleben sind. Das war Mozart als Elementarereignis. Kein Wunder, dass der Jubel groß war. Reinald Hanke

Von Reinald Hanke