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Kultur Jingge Yan: Pianist mit wenig Zeit und ausgeprägter Mimik
Weltgeschehen Kultur Jingge Yan: Pianist mit wenig Zeit und ausgeprägter Mimik
13:32 18.03.2015
Jingge Yan Quelle: Eingesandt
Hannover

Yan, Jahrgang 1986, ist Preisträger der „Telekom Beethoven Competition“ 2011 und gilt als Spezialist für diesen Komponisten. Entsprechend war der erste Konzertteil Beethoven pur, und zwar durchweg im kleinen Format: Den zehn Variationen über „La stessa, la stessissima“ aus Salieris Oper „Falstaff“ folgten die Miniaturen der Bagatellen op. 119 und 126. Abwechslungsreichtum, Feinarbeit, schnelles Umschalten waren also gefragt.

Zurzeit erntet Rudolf Buchbinder in Hannover mit dem etappenweise vorgetragenen Zyklus der Beethoven-Sonaten viel Begeisterung. Das liegt in erster Linie daran, dass der Pianist jedem einzelnen Satz einen eigenen Charakter verleiht. Nun kann Buchbinder mit den Sonaten größere Bögen erzeugen – Yan musste für eine vergleichbare Variabilität auf dem Quadratzentimeter arbeiten, und er schlug sich dabei mehr als achtbar.

Der Pianist hat eine ausgeprägte Mimik, die indes nie überzogen und vor allem glaubhaft wirkte. Er schien den jeweiligen Stimmungen ernsthaft nachzuspüren und wusste sie schlüssig umzusetzen: Mal klang’s neckisch, aber nicht albern, mal „cantabile“, aber nicht schwülstig, mal rasant, aber nicht gehetzt. Und fast immer logisch – die Phrasierungen mochten nicht durchweg dem Hörergeschmack entsprechen, durchdacht waren sie allemal. Also nichts zu meckern? Doch: Yan legte manchmal einen leichten Hang zum Holzschnittartigen an den Tag, wenn der Anschlag etwas arg hart wurde. Die Reife des Spiels ist beachtlich, zumal bei einem so jungen Pianisten, aber bis zu Buchbinderschen Dimensionen ist noch ein weiter Weg.

Von Beethoven zu Schumann, dem das Programm nach der Pause gewidmet war. Wiederum ging es mit der Arabeske und der (keineswegs besonders komischen) Humoreske ins Reich der fixen Stimmungswechsel. Yan wusste dem Vortrag angemessenerweise ein anderes Flair zu verleihen, tauchte in die Romantik ein, ohne der Kitschgefahr auf den Leim zu gehen. Das hatte über weite Strecken den Atem, den diese Musik verlangt, und auch die Spannungsbögen in der umfangreichen Humoreske hielten.

Von Jörg Worat